Sie kämen, sagten die beiden Männer, aus Belgien und seien Fernsehjournalisten. Sie wollten in Afghanistan einen Mann interviewen, der als unbesiegbar galt: Schah Ahmed Massud. Die sowjetischen Besatzer hatten vergeblich versucht, ihn zu unterwerfen. Ebenso die Taliban. Massud war ein Kriegsherr, ein tiefgläubiger Sunnit, aber auch ein politisch Gemäßigter, mit dem der Westen sprechen konnte.

Die beiden Belgier wurden zu Massud vorgelassen. Nach wenigen Minuten explodierte eine in der Kamera versteckte Bombe und tötete Massud. Es war der 9. September 2001. Zwei Tage später rasten die Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme von New York. In Afghanistan feierte Osama bin Laden den Massenmord – und den Mord an seinem Gegner Massud. Die Spuren der beiden Attentäter führten später nach Molenbeek.

Es war das erste Mal, dass dieses Brüsseler Stadtviertel wegen islamistischen Terrors in die Schlagzeilen geriet. Bald war es wieder vergessen. Terror schien den Europäern eine Gefahr außerhalb Europas zu sein. Derweil warb die Witwe eines der Mörder von Massud in Molenbeek Kämpfer für Al-Kaida an, ein Gericht verurteilte Malika al-Arud Jahre später, weil sie belgische und französische Muslime für den Krieg in Syrien rekrutiert hatte. Auf der Anklagebank saß auch ihr neuer Ehemann, Moez Garsallaoui. Die beiden betrieben die Website Minbar SOS, bei jungen Dschihadis weltweit eine der beliebtesten Seiten. Marika al-Arud war Mentorin der belgischen Konvertitin Muriel Degauque, der ersten Attentäterin aus dem Westen, die sich im Irak in die Luft sprengte. Moez Garsallaoui wiederum war Mentor des Franzosen Mohamed Merah, der im Jahr 2017 in Toulouse und Montauban insgesamt sieben Menschen tötete.

Die Beispiele zeigen: Europäische Dschihadisten sind eng vernetzt. In Belgien, von wo aus fast 500 Dschihadisten nach Syrien und in den Irak gingen, waren Radikalisierer besonders erfolgreich. So bildete sich in Antwerpen die Gruppe Sharia4Belgium um den Prediger Fouad Belkacem, mit Anhängern aus allen sozialen Schichten und eigenem YouTube-Kanal. In Molenbeek operierte der marokkanischstämmige Belgier Chalid al-Serkani, dessen berüchtigster Anhänger, Abdelhamid Abaaoud, das Attentat vom 13. November 2015 in Paris koordinierte. Terroristen profitieren von Behörden, die Radikalisierer unterschätzen.

So war es auch bei der Finsbury-Park-Moschee in London. Sie galt lange als Hotspot für radikales Gedankengut. Der Hassprediger Abu Hamsa al-Masri, berühmt für seine Handprothese in Form eines Metallhakens, hielt hier regelrecht Hof. Ebenso der Dschihadist Abu Katada, damals wichtigster Mann von Osama bin Laden in Europa. Heute sind die Fundamentalisten in der Finsbury-Park-Moschee jedoch marginalisiert, auch durch massive Polizeiarbeit.

Am vergangenen Freitag, kurz nach den Terrorattacken in London, konnte man Moscheegänger treffen wie Salah Faisal. "Ich möchte jetzt eine Predigt hören, die jegliche Art von Gewalt im Namen unserer Religion verurteilt", sagte der 43-jährige Telefoningenieur und Familienvater. "Jedes Kind weiß doch, dass Islam mit Tod und Gewalt nichts zu tun hat." In den letzten zwei Jahren habe er fast jeden seiner Nachbarn und auch einige Arbeitskollegen mit in die Finsbury-Park-Moschee genommen, um sie von der Friedfertigkeit seines Glaubens zu überzeugen. Jetzt hat Faisal das Gefühl, dass er ihn "mal wieder verteidigen muss".

Knapp 48 Stunden zuvor raste Khalid Masood, bekennender Muslim, mit seinem Auto über die Brücke unterhalb von Big Ben, griff einen Polizeibeamten an. Vier Menschen starben. Ein Beamter aus dem Innenministerium sagt, der Terror trage aber auch dazu bei, "dass Moscheen in Großbritannien sich besonders bemühen, als Stätten eines friedlichen Mehrheitsislams respektiert zu sein". Tatsächlich operieren Hassprediger nun eher in Gefängnissen. Durch neue Anti-Terror-Gesetze sind die Gefängnisse voll – und "effektive Radikalisierungseinrichtungen", urteilte jüngst ein Parlamentsausschuss. Nur kurze Zeit Inhaftierte aus sozialen Brennpunkten werden schnell radikalisiert. Auch der 52-jährige Khalid Masood passte wohl in dieses Schema. Geboren als Adrian Russel Elms in der englischen Grafschaft Kent, lebte er einige Jahre in Saudi-Arabien und soll sich zum radikalen Islam bekannt haben, nachdem er mehrere Haftstrafen verbüßt hatte. Die Regierung will Gefangene künftig besser trennen und mehr Geld für Rehabilitierung ausgeben.