Als Ralf Jäger gleich nach dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz seinen Skiurlaub in Österreich abbricht, da ahnt er noch nicht, dass die Schockwellen dieses Attentats bald auch ihn, den nordrhein-westfälischen Innenminister, treffen werden. Denn anfangs kennt noch niemand die Identität des Mannes, der einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gesteuert und zwölf Menschen getötet hat. Erst am Tag nach der Katastrophe wird der Name des mutmaßlichen Täters bekannt: Anis Amri. Und noch etwas länger dauert es, bis dem Minister aus Nordrhein-Westfalen zu dämmern beginnt, dass aus dem Fall Amri auch ein Fall Jäger werden wird.

Als Landesinnenminister ist der 56-jährige Ralf Jäger Chef der Polizei im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland. Er ist der Mann, der für Ruhe und Ordnung in NRW zuständig ist. Er soll den Bürgern das Gefühl vermitteln, dass sie ohne Angst leben können. Tatsächlich aber ist der Minister ein Politiker, von dem man schon lange nicht mehr genau weiß, ob er Probleme löst oder eher neue schafft. Ob er ein Sicherheitsminister ist – oder ein Unsicherheitsminister.

Der Tunesier Anis Amri war im Sommer 2015 illegal nach Deutschland eingereist, zuständig für ihn war die Ausländerbehörde im nordrhein-westfälischen Kleve. Obwohl sein Asylantrag im Frühjahr 2016 abgelehnt worden war und Amri als "Gefährder" eingestuft wurde, geschah bis zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt – nichts.

Warum nicht? Diese Frage verfolgt Jäger, seit er in Österreich seine Sachen gepackt hat. Am vergangenen Mittwoch, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, musste der Minister vor dem Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag aussagen. Ein paar Tage zuvor war ein internes Schreiben des Düsseldorfer Landeskriminalamts aufgetaucht, in dem Jägers eigene Terrorfahnder gefordert hatten, sein Ministerium solle sich mit allen rechtlich zulässigen Mitteln für Amris Abschiebung einsetzen. Doch vergeblich.

Kein anderer deutscher Innenminister hat eine vergleichbare Zahl von Skandalen und Affären zu verantworten wie Jäger. In seine bald siebenjährige Amtszeit fallen die Misshandlung von Flüchtlingen in Unterkünften des Landes und die Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015. In seine Zuständigkeit fallen die kriminellen Familienclans in mehreren nordrhein-westfälischen Großstädten, gegen die die Polizei allenfalls noch mit Hundertschaften vorgehen kann. Und nun muss Jäger auch noch den Fall Amri erklären. Kurz vor der Landtagswahl im Mai ist Jäger die große Schwachstelle der SPD in NRW: Ausgerechnet der Innenminister, der von Amts wegen für Sicherheit sorgen sollte, verunsichert die Wähler.

Dabei geht es Ralf Jäger wie vielen seiner Kollegen in den anderen Bundesländern. Überall sind die Innenminister massiv unter Druck geraten. Jeden Tag spüren sie die Folgen der Globalisierung, ganz unmittelbar trifft sie die Außenpolitisierung der Innenpolitik. Ihr Arbeitsalltag, so beschreibt es einer von Jägers Amtskollegen, habe sich drastisch verändert. "Noch 2013 war nicht im Ansatz absehbar, was mit der Flüchtlingssituation und dem internationalen Terrorismus auf uns zukommt." Die innere Sicherheit wird plötzlich von Welt- themen bestimmt: IS-Terror, der Bürgerkrieg in Syrien, die innere Zerrissenheit der Türkei, all das sind heute nicht mehr nur Aufgaben für Diplomaten, sondern auch für Polizeibeamte mitten in Deutschland.

Die wachsende Verunsicherung der Bürger, die Erschöpfung der Polizisten, die ständige Angst vor neuen Attentaten – all das bestimmt den Alltag der Innenminister. Sie zerren an den Nerven. Und wenn etwas schiefgeht, dann kommen bohrende Fragen.

Dabei ist es durchaus nicht so, dass Ralf Jäger vor kritischen Fragen davonlaufen würde, auch nicht im Fall Amri. Im Gegenteil, zu seinem Krisenmodus gehört erhöhte Medienpräsenz. Da sei er noch immer der Jugendfußballer aus Duisburg-Meiderich, sagt einer, der in vielen Verhandlungsrunden mit Jäger zusammengesessen hat: "Defensive kann er nicht, der will immer angreifen." Doch nicht jeder Angriff gelingt, manchmal verschlimmert Jäger durch sein Vorpreschen die Situation. So wie im vergangenen Dezember.

Zwei Tage nach dem Attentat vom Breitscheidplatz wurde bekannt, dass Amri sich lange in NRW aufgehalten hatte. Während der Terrorist noch gesucht wurde, gab der Minister bereits eine Pressekonferenz. Jäger, kurze Haare, sportliche Figur, stand in einem holzvertäfelten Saal seines Ministeriums und klammerte sich ans Rednerpult. Mal stoppte er mitten im Satz und hielt die Luft an, mal fixierte er einen Punkt an der Decke, wenn Journalisten eine Frage stellten. Er, der sonst frei und manchmal witzig formuliert, war erkennbar unter Druck.