Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Wer einen Blick in die Abgründe des menschlichen Wesens werfen möchte, der muss inzwischen nicht mehr Theologie studieren, um als Pfarrerin oder Pfarrer die Beichte abnehmen zu dürfen. Es reicht vollkommen aus, sich im Radio die Sendung mit der Rechtsberatung anzuhören. Bei uns läuft die in regelmäßigen Abständen am Samstagvormittag, und ich schalte immer mal wieder rein, um mir in einer Mischung aus Faszinosum und Tremendum die Anliegen der Anrufer anzuhören.

Zugleich bewundere ich die Experten am Telefon, weil sie stets ruhig und gelassen bleiben. Wahrscheinlich absolvieren die vor ihrem Mikrofoneinsatz ein gründliches Training. Mir jedenfalls stockt ab und an schon der Atem, wenn einem die Habgier unverstellt aus dem Lautsprecher entgegenschallt, etwa, wenn sich eine Frau erkundigt, ob ihr auch nach zwei Jahren Ehe die Hälfte des Erbes ihres betagten Ehemanns zustünde, obwohl der vier Kinder aus erster Ehe habe. Als Krimiautorin höre ich alle Alarmglocken läuten, wenn ich im weiteren Verlauf des Gesprächs erfahre, dass der Ehemann keineswegs verstorben ist, sondern sich – noch? – des Lebens erfreut.

Ich weiß nicht, ob sich diese Freude halten würde, wenn er seiner Gattin beim Gespräch mit dem Radio-Rechtsexperten zuhören könnte. Was die Kinder des Mannes von ihrer Stiefmutter halten, will ich mir gar nicht vorstellen. Ich wundere mich jedenfalls überhaupt nicht darüber, dass diese Anruferin, wie viele andere auch, auf ihre Namensnennung verzichtet. Man darf nämlich beim Radio auch anonym anrufen, um sich zu erkundigen, wie man seine Kinder am besten enterbt oder verhindert, dass man für den Unterhalt der Exfrau herangezogen wird. Ich gebe zu: In dieser Drastik verlaufen meine Beichtgespräche selten, obwohl ich im Verlauf meines Berufslebens einige Beichten gehört habe. Im Gegensatz zur weitverbreiteten Ansicht gibt es die Beichte nämlich auch bei den Evangelischen, und auch Beichtgespräche mit evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrern stehen unter dem Beichtgeheimnis, weshalb ich jetzt nicht konkret ins Inhaltliche gehen kann.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Nur so viel: In der Regel liegt Menschen, die zur Beichte kommen, ein Problem tatsächlich am Herzen, und sie wollen vor Gott und im Gespräch mit einem Menschen, der unter Schweigepflicht steht, Lebensentscheidungen klären. Dabei können auch extreme Gefühle geäußert werden, manchmal auch Hass oder Neid, aber pure Habgier ist mir noch nie untergekommen.

Wahrscheinlich, weil sich die offen von Angesicht zu Angesicht nur schwer äußern lässt, ohne zumindest ein bisschen peinlich zu wirken. Im Schutz der Anonymität dagegen fallen die Hemmschwellen. Die Experten am Mikrofon geben auf die Fragen ihrer Anrufer sachliche Antworten. Manchmal würde ich gerne einen pastoralen Hinweis ergänzen. Etwa der Noch-nicht-Witwe mit auf den Weg geben, dass auf manchem Gut kein Segen liegt, auch wenn es nach Recht und Gesetz vererbt worden ist.