Am Wochenende demonstrierten in mehreren Städten Russlands über 60.000 meist junge Menschen. Sie riefen "Nieder mit Putin! Nieder mit Medwedew!" – und griffen so den Präsidenten und den Ministerpräsidenten an. Eine Überraschung für Wladimir Putin, der sich seit der Eroberung der Krim einer Zustimmung von mehr als achtzig Prozent erfreut. Doch bei einigen Russen scheint die Wirkung des Hurrapatriotismus nachzulassen. Warum gehen plötzlich die jungen Leute auf Straße?

Die Demonstranten gehören zur Generation Putin. Sie kennen keinen anderen Herrscher außer dem Gespann Putin/Medwedew. Sie kennen die schwierigen neunziger Jahre mit politischem Chaos und den Entbehrungen nicht aus eigener Erinnerung. Sie erleben nur den langsamen Verfall des Wohlstands und der Freiheit. Welche Zukunft hat die Generation Putin unter Putin? Ihre Eltern verdienen weniger Geld, Auslandsreisen sind zu teuer, gute Ausbildung dito. Diese Jugend lässt sich nicht mehr mit außenpolitischen Heldentaten ruhigstellen. Das liegt auch daran, dass sie nicht den Staatsfunk, sondern YouTube-Filme sehen. Sie surfen in sozialen Netzwerken und finden in der virtuellen Welt die Nischen, die die Lebenswirklichkeit Russlands nicht bietet.

So konnten sie den Film Für dich ist er nicht Dimon sehen, der die Reichtümer von Premier Dmitri Medwedew dokumentiert. Er wurde über 13 Millionen Mal geklickt. Zu sehen gibt es Luftaufnahmen von Medwedews Ländereien, seinen Weingütern, Palästen, dem Häuschen für seine Lieblingsente. Die Botschaft des Films lautet: Er ist korrupt. Dass russische Politiker da anfällig sind, weiß jeder Durchschnittsrusse. Meist zuckt er mit den Schultern und sagt bei der Wiederwahl: "Wenigstens haben sie schon gegessen." Doch dieser Film hat einen Nerv gereizt.

Der Autor Alexej Nawalny ist Politiker. Ein Typ, den viele Russen mögen: groß, kräftig, blond, blauäugig, redegewandt. Als Blogger hat er sich einen Namen, als Politiker hat er Karriere gemacht. Bei der Moskauer Bürgermeisterwahl 2013 holte er immerhin 27 Prozent. Nun will der 40-jährige Nawalny bei der Präsidentenwahl 2018 gegen Putin antreten. Mit dem Film und dem Demo-Aufruf hat er den Kreml komplett überrascht.

Die russische Regierung dachte, sie hätte ihre Kontrollmechanismen perfektioniert. Das Land ist keine Diktatur wie früher die Sowjetunion. Auf der Straße darf jeder über Putin schimpfen. Nur sorgen Staatsmedien und Bürokraten dafür, dass der Unmut folgenlos bleibt. Das Regime beruht vor allem auf Massenhypnose und Manipulation. Repression folgt erst, wenn sonst nichts hilft. Nur, was tut man gegen Demonstranten, die zum Teil noch Kinder sind?

Das Staatsfernsehen schweigt sie zunächst mal tot. Das wird nicht reichen. Putin wollte sich 2018 in aller Ruhe wiederwählen lassen. Auch wenn es zum Jubiläum der Revolution von 1917 heute nicht nach Umsturz aussieht: Die Ruhe ist dahin.