DIE ZEIT: Nishizawa-san, kann man Architekten an ihren Autos erkennen?

Ryūe Nishizawa: Ich weiß es nicht. Kann man?ZEIT: Als ich nach Ihrem Büro suchte, kamen mir Zweifel, ob ich die richtige Adresse hatte: ein Quartier draußen vor der Stadt, links eine Werkstatt für Gabelstapler, rechts eine Großwäscherei, dazwischen diese Industriehalle. Sollte das der Ort sein, an dem ein weltberühmter Architekt seine Pläne entwickelt? Bis ich vor der Tür dieses Coupé sah, einen alten Alfa Romeo, diese sanften, fließenden Linien – da wusste ich: Hier muss es sein!

Nishizawa: Was erwarten Sie? Schön, die Gegend liegt am Ende der Welt. In den 1950er Jahren wurde im Norden der Tokio-Bucht Land aufgeschüttet, riesige Flächen, größtenteils aus Müll. Die Stadt sprengte alle Grenzen. Sie brauchte Industrie- und Gewerbegebiete. Aber inzwischen entstehen hier auch moderne Apartment-Silos. Die Stadt läuft uns hinterher, in rasendem Tempo. Ich habe übrigens noch ein anderes Auto, ein deutsches ...

ZEIT: Nämlich?

Nishizawa: Einen Porsche, Baujahr 1968. Wunderbar! Als ich ihn kaufte, war er einfach ein Gebrauchtwagen, gar nicht teuer. Heute zahlen Sammler ein Vermögen dafür.

ZEIT: Der Großraum Tokio hat 37 Millionen Einwohner. Braucht die Stadt Sportwagenfahrer?

Nishizawa: Darum geht es gar nicht. Für mich sind beide Autos der perfekte Ausdruck einer Kultur, der deutsche Porsche, der italienische Alfa. Der eine kraftvoll, schnell und brutal – der Inbegriff einer Maschine. Und der andere elegant wie eine Violine. Fast ein lebendiges Wesen.

ZEIT: Aha, wir sprechen also schon über die Architektur ...

Nishizawa: Wir könnten auch sagen: Wir sprechen über Lebensformen. Oder über Design. Oder über das, was eine Zeit ausmacht, eine Epoche ...

ZEIT: Wir haben Ihren Kollegen Toyo Ito danach gefragt. Er ist Jahrgang 1941 und bezeichnete sich – auch in seiner Architektur – als Vertreter einer Generation der Revolte gegen das Establishment, als Achtundsechziger. Zu welcher Generation rechnen Sie sich?

Nishizawa: Meine Generation? Suburbia!