In einer Rotklinkersiedlung in Hamburg-Hamm hütet eine Frau ein Zahlenrätsel, auf das sie selbst keine Antwort hat. Britta Pohlmann, braune Haare, braun lackierte Fingernägel und Psychologin mit Hang zur Statistik, verwaltet ein speziell geschütztes E-Mail-Postfach, in dem jedes Jahr mehr als hundert Nachrichten mit geheimen Daten eingehen. In einigen Wochen wird es wieder so weit sein. Als Absender werden Namen aufleuchten wie "Gymnasium Blankenese", "Heinrich-Hertz-Schule", "Max-Brauer-Schule" und "Gelehrtenschule des Johanneums". Jedes Schreiben wird einen Anhang voller Zahlen enthalten: die aktuellen Abiturnoten.

Britta Pohlmann ist Referatsleiterin in der Hamburger Schulbehörde. Sie bekommt diese E-Mails jedes Jahr nach den Abiturprüfungen, und jedes Jahr wird das Rätsel größer. Denn die Listen mit den Noten werden jedes Jahr länger.

Immer mehr Schüler in Hamburg legen das Abitur ab. Inzwischen sind es fast zwei von dreien, die den schwierigsten Abschluss schaffen, den das deutsche Schulsystem vorsieht.

Und nicht nur die Zahl der Abiturienten nimmt zu, auch ihre Leistungen werden immer besser. Schon jeder vierte Prüfling in Hamburg hat am Ende eine Eins vor dem Komma stehen.

Wie ist das möglich?

Britta Pohlmann verwandelt die Datenreihen in bunte Tabellen und Grafiken, die ein Bild von den Hamburger Schulen zeichnen, das ist ihre Aufgabe. Sie sieht, dass die Noten immer besser werden. Woran das liegt, darauf hat sie keine Antwort. Sie ist dafür zuständig, dem Rätsel ein Aussehen zu geben, nicht dafür, es zu lösen.

Sicher ist: Hamburg ist keine Ausnahme. In ganz Deutschland beginnen in diesen Wochen die Abiturprüfungen. Und überall ist aus der einstigen Eliteinstitution Gymnasium eine neue Form der Volksschule geworden. Das Abitur, der vermeintliche Ausweis der Klugen, ist heute ein Abschluss der Massen.

1992, kurz nach der Wende, legten 31 Prozent der Schüler das Abitur ab.

2000 waren es 37 Prozent.

2006: 43 Prozent.

2015: 53 Prozent.

Für 2016 wird die genaue Quote noch berechnet, aber sie wird wieder deutlich über 50 Prozent liegen.

Und nicht nur Britta Pohlmann in Hamburg-Hamm stellt fest, dass die Abiturnoten immer besser werden, auch die Statistiker in München, Berlin und Erfurt wundern sich darüber. In Thüringen bekommen inzwischen fast 40 Prozent der Abiturienten ein Einserzeugnis. In Bayern hat sich die Zahl der 1,0-Abiturienten in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht, in Berlin sogar versechsfacht.

Wie kann es sein, dass auf einmal so viele Deutsche das Abitur schaffen – und auch noch mit derart guten Noten?

Werden die Deutschen immer schlauer?

Wird das Abitur immer einfacher?

Oder gibt es womöglich einen anderen, weniger naheliegenden Grund?

Das ist das große Rätsel. Dieser Artikel wird versuchen, es zu lösen. Hinweise auf eine Antwort werden sich in einem Hörsaal der Fachhochschule Bielefeld finden und in der Werkstatt eines Dachdeckers in Stuttgart-Zuffenhausen. Das Ernährungsverhalten von Streifenhörnchen wird eine Rolle spielen, und ein wenig wird man auch in der Zeit zurückreisen müssen, nicht besonders weit, nur in das Jahr 2001. Als Erstes aber muss man sich mit der Forschungsarbeit eines Amerikaners namens James R. Flynn beschäftigen.

Flynn ist über 80 Jahre alt, und rein äußerlich erfüllt er recht genau das Klischee eines Professors. Er hat einen leicht verzauselten grauen Bart, wirres Haar und eine Lesebrille auf der Nase. Er sieht nicht nur selbst ziemlich klug aus, sondern er hat sich auch zeit seines Berufslebens mit der Klugheit anderer Menschen beschäftigt, noch immer hält er Vorträge. Flynn hat zahllose Intelligenztests aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Generationen ausgewertet und war dabei so erfolgreich, dass er etwas geschafft hat, was nur wenigen Forschern gelingt: Ein wissenschaftliches Phänomen wurde nach ihm benannt, der Flynn-Effekt.