Würde man einen Politiker mitten in der Nacht mit der Frage wecken, was das Land am dringendsten brauche, die Chancen stünden gut, dass er selig-schläfrig "Bildung" flüstern würde. Dieses magische Wort funktioniert immer. Dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz ist es gelungen, das noch zu steigern. Einer seiner wenigen konkreten Pläne für die Zeit im Kanzleramt ist "gebührenfreie Bildung", und zwar "von der Kita bis zum Studium". Das klingt toll, genauso wie das Ziel: mehr Gerechtigkeit.

Nur wird es so nicht funktionieren. Wer Bildung von allen Kosten befreit, sorgt nicht für mehr soziale Gerechtigkeit im Land, sondern für weniger – und richtet nebenbei Chaos an. Das liegt daran, dass kostenlose Bildung in Deutschland vor allem kostenlose Kitas bedeuten würde. Schule und Studium sind ja schon weitgehend gebührenfrei. Richtig teuer für Eltern dagegen können Krippenplätze sein, die Betreuung für unter Dreijährige.

Beseitigt man diese Gebühren nun, dann geschieht zweierlei. Erstens werden die Krippen überrannt. Sinken die Kosten – auch in der Kinderbetreuung gelten die Gesetze der Ökonomie –, dann werden mehr Eltern ihr Kind in die Kita schicken wollen. So viele Plätze gibt es aber nicht. Man könnte zwar mehr Kitas bauen, das geht aber nicht so schnell.

Doch selbst wenn das irgendwie gelänge, bliebe noch die zweite Folge, die den Irrsinn des Umsonst-Plans erst richtig deutlich macht: Von den gesunkenen Kosten würden gar nicht diejenigen profitieren, denen die SPD helfen will. Denn Eltern mit keinem oder geringem Einkommen müssen schon heute meist nichts oder nur wenig zahlen. Oft sind die Beiträge auch nach Einkommen gestaffelt. Am stärksten würden von der "kostenlosen Bildung" gut situierte Doppelverdiener profitieren, die besonders häufig ihre Kleinkinder betreuen lassen und sich die Beiträge eigentlich leisten können. Und die wären noch nicht einmal froh, weil sie sich bessere Kitas wünschen, nicht billigere.

Wenn man also schon Geld für Krippen ausgeben will, dann sollte man es anders tun: Kitas ausbauen und die Qualität verbessern. Klingt nicht ganz so magisch, hilft aber.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio