Christian Blaschke hat wirklich alles getan, um der Frau zu entkommen: Er hat sich aus den sozialen Netzwerken verabschiedet, eine neue E-Mail-Adresse zugelegt und zweimal neue Handynummern besorgt. Er hat sich eine neue Wohnung gesucht, und als das nichts half, ist er von Stuttgart nach München umgezogen, mehr als 200 Kilometer entfernt.

Trotzdem hat sie ihn gefunden.

Sie – das ist Nadine Martens, Blaschkes Ex-Freundin. Sie verfolgt ihn seit der Trennung, belästigt ihn, bedroht ihn. Einmal schrie sie ihm auf offener Straße nach: "Ich werd dir deinen Schwanz abschneiden, du wirst nie wieder ’ne andere ficken." Den Ausbruch kann man sich auf einem Video auf Blaschkes Handy ansehen. Frau Martens traktiert ihn mit allen Mitteln des Psychoterrors: An manchen Tagen schreibt sie ihm 180 E-Mails, ruft ihn 150-mal unter wechselnden, Software-generierten Nummern an, bestellt im Internet Sexspielzeug auf seinen Namen oder schickt ihm, dem Spinnenphobiker, eine präparierte Tarantel ins Haus. Sie bucht Hunderte Euro für Konzertkarten und Nahverkehrstickets von seinem Konto ab, legt falsche Facebook-Profile mit seinem Foto an, unter denen sie angebliche Besuche im Swingerclub dokumentiert, bewirbt sich mit seinen Unterlagen bei Konkurrenzfirmen und droht damit, seinen Chefs Nacktfotos von ihm zu schicken.

Seit gut einem Jahr tyrannisiert Nadine Martens ihren Verflossenen nun schon. Keine Ermahnung der Polizei, kein Kontaktverbot der Justiz, nicht einmal schmerzhafte Geldstrafen halten sie ab. Ein mit dem Fall betrauter Polizeihauptmeister spricht vom "krassesten Stalking-Fall", den er in seinen dreißig Dienstjahren erlebt hat. Blaschke selbst sagt: "Das ist psychische Vergewaltigung. Ich bin völlig wehrlos."

Christian Blaschke ist eine statistische Ausnahme: In der Mehrzahl sind Stalker männlich und mehr als 80 Prozent der polizeilich erfassten Opfer in Deutschland weiblich. Blaschkes Beispiel zeigt aber, wie hilflos gerade Männer angesichts übergriffiger Frauen sein können. Und wie sehr sie sich dafür schämen. Deshalb will Blaschke anonym bleiben: Er und seine Verfolgerin heißen in Wahrheit anders. Ihr Fall offenbart, wie schwer es Polizei und Justiz noch immer fällt, Betroffene vor Stalkern zu schützen.

Der Stalking-Paragraf wurde verschärft: Doch auch das hilft Blaschke nicht

Seit 2007 steht Stalking in Deutschland unter Strafe. Wer einem anderen nachstellt und dadurch dessen "Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt", dem drohen – so regelt es Paragraf 238 im Strafgesetzbuch – eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahre Gefängnis. Doch so weit kommt es meist nicht. 2015 gab es hier laut Bundeskriminalamt insgesamt 19.704 Stalking-Fälle, nur 158 Täter wurden letztlich verurteilt. 99 Prozent der Stalker kommen davon. "Die Hürden für eine Strafbarkeit waren bislang viel zu hoch", sagt der Münchner Rechtsanwalt Thomas Etzel, der sich auf Stalking-Fälle spezialisiert hat. Das Opfer muss nachweisen, dass seine Lebensweise durch das Stalking massiv beeinträchtigt ist – also Umzug oder Wechsel der Arbeitsstelle nötig sind. "Ob der Betroffene unter Angstattacken litt oder ein nervliches Wrack war, spielte keine Rolle", sagt Etzel.

Zwar wurde der Stalking-Paragraf kürzlich verschärft, jetzt macht sich ein Stalker schon strafbar, wenn sein Verhalten "geeignet" ist, das Leben eines anderen "schwerwiegend zu beeinträchtigen". Doch in Blaschkes Fall bringt auch das neue Gesetz nichts – bei ihm war der Straftatbestand schon nach dem alten Gesetz erfüllt. Er hat sein gewohntes Leben aufgegeben, hat sogar die Stadt gewechselt. Trotzdem macht Martens dem Ex das Leben weiter zur Hölle.

An einem kalten Abend nimmt Blaschke in einem Münchner Wirtshaus Platz. Trotz Minustemperaturen draußen trägt er bloß T-Shirt und Turnschuhe. Mit den kurzen, blonden Haaren, der kräftigen Stimme und den muskulösen Oberarmen entspricht er nicht dem Bild des typischen Opfers – ein Eindruck, der ihm zum Verhängnis wurde. Da sitzt ein aufgeräumter Mann, der erst mal Schmorbraten und ein Helles bestellt. Drei Stunden später hat er seine Geschichte erzählt – ein filmreifes Psychodrama.

Die Beziehung von Blaschke und Martens, beide 31, beginnt unverfänglich. Bankwirtschaft heißt der Kurs, den Blaschke als angehender Doktor der Ökonomie an einer Universität in Nordrhein-Westfalen 2013 unterrichtet. Martens, gelernte Bankkauffrau, hört die Vorlesung und kontaktiert ihn auf Facebook. Aus dem Online-Chat wird ein One-Night-Stand. "Mehr wollte ich damals nicht", sagt Blaschke. Doch sie habe ihn zu weiteren Treffen überredet. Und warum auch nicht? "Der Sex war gut." Die Affäre plätschert ein Jahr dahin, auf einem Urlaub in Bali verliebt sich Blaschke dann aber in Martens. Im Dezember 2014 werden die beiden ein Paar. "Von da an war sie ein anderer Mensch."