Sie haben genug vom Beton, vom Stahl und Glas, von den Stützmauern, Liftanbauten und Garagentor-Fronten. Genug von den Siedlungen, die sich wie Lawinenverbauungen in die Sonnenhänge ihrer Gemeinde graben. Genug davon, dass bald jede Parzelle bis runter an die Limmat, ihren Fluss, überbaut ist, genug davon, dass Bauherren, wie es heißt, selbst Spielplätze zubetonieren wollten, genug davon, dass ihr Ort, Ennetbaden, 3.500 Einwohner, gelegen im Kanton Aargau, einen Rebberg um den anderen verliert.

Also beschlossen sie, der Gemeinderat, wir verbieten, was unserem Ort die Seele raubt: die Terrassenhäuser.

Jede Schweizer Gemeinde versucht mit einer Bauordnung ihr Ortsbild zu gestalten. Mal erlaubt sie nur Flachdächer, mal nur 45-Grad-Giebel. Mal nur "erdmatte" Fassadenfarben, mal nur Sprossenfenster – und immer mal wieder verbannt sie mit der Kraft ihrer Paragrafen gleich einen ganze Gebäudetyp.

Was Ennetbaden die Terrassen-, waren der Stadt Zürich Anfang der achtziger Jahre die Hochhäuser. Auch sie wurden verboten, per Volksentscheid. Fürchteten sich die Zürcher vor der "Stadtexplosion, die alles verschlingt", ängstigt die Ennetbadener der zügellose Bauboom an der Goldküste des Aargaus. Hinter all dem steckt, was die Schweizer in jedem Konjunkturzyklus quält: das Unbehagen im Wachstums-Staat.

Dabei sollten Hangsiedlungen einst die Schweiz und ihre Landschaft retten – und die Idee dazu kam ausgerechnet aus dem Aargau.

1958 entwarf der junge Architekt Hans Ulrich Scherer aus Brugg einen Plan, wie sein Kanton dereinst aussehen sollte. Er, der als Student an der ETH Zürich einen Verweis erhalten hatte, weil er das wegweisende Manifest achtung: die schweiz von Max Frisch, Markus Kutter und Lucius Burkhardt verteilte, entwarf mit einigen Mitstreitern eine Stadt an den Flanken der östlichen Jurahügel: "Ganz im Grünen: wie ein Rebberg terrassiert".

Die jungen Wilden wollten das flache Land im Tal für die Landwirtschaft, die Straßen oder die Eisenbahn freihalten. Wohnen sollten die Menschen dort, wo nichts außer Weinreben gedeiht – am Hang. In einer dichten Terrassenhäuser-City, mit dem Charakter einer Altstadt, mit Treppen, Plätzen und schmalen Gassen.