Wer hier im Tessin mit seinen Kollegen über Arbeitslosigkeit diskutiert, der merkt schnell: Das Thema ist heikel. In unserem Kanton gibt es in dieser Frage zwei Lager: Das eine beklagt, die vielen Grenzgänger würden unseren einheimischen Arbeitern die Jobs wegnehmen. Das andere kontert: "Das ist alles nur Wahlpropaganda!" Die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei im Tessin nicht schlimmer als in der restlichen Schweiz.

Also, lassen wir die Statistiken sprechen –und die sind auf den ersten Blick tatsächlich nicht besonders alarmierend.

Im Jahr 2016 betrug die Arbeitslosenquote im Kanton Tessin 3,5 Prozent, 2015 waren es 3,6 Prozent. Gleichzeitig gab es 2,4 Prozent mehr Jobs als im Vorjahr; im Schweizer Durchschnitt waren es nur 0,3 Prozent mehr. 1.858 neuen Grenzgängern standen also 5.400 neue Arbeitsstellen gegenüber.

Wieso also ist das Thema bei uns emotional derart aufgeladen?

Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Da ist zum Beispiel das Phänomen der padroncini, der italienischen Handwerker, die das Tessiner Gewerbe mit Tiefpreisen unterbieten, weil sie ihren Mitarbeitern niedrigste Löhne bezahlen – und oft die Sozialabgaben nicht korrekt abrechnen. Ein klarer Fall von unlauterem Wettbewerb.

Meine Landsleute glauben, ein besonders hartes Los gezogen zu haben, weil Arbeitslose im Tessin, dem Jura und dem Kanton Neuenburg am längsten nach einer neuen Stelle suchen müssen; 304 Tage lang, bei einem Schweizer Durchschnitt von 248 Tagen. Mich ärgert, dass einige Junge nur so lange einen Job machen, bis sie Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung haben – um dann zu kündigen.

Ich frage mich, wieso in der Schweiz von den jährlich 6,5 Milliarden Franken, die wir für die Arbeitslosenkasse ausgeben, ein ganzes Viertel für die Bürokratie draufgeht. Also 1,6 Milliarden Franken. Im Tessin betreuen 500 Leute durchschnittlich 9.000 Arbeitslose. Sind diese Beamten alle unverzichtbar? Zum Beispiel die 60 Gewerkschafter, die dafür belohnt werden, Arbeitslosenkassen zu betreuen?

Es fehlen mir die Fachkenntnisse, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Aber bei so hohen Summen und speziell bei den Aufträgen, die der Staat für Kurse und Stellenvermittlungen erteilt, wären strengere Kontrollen angebracht. Und es wäre wichtig zu prüfen, wie nützlich die Angebote überhaupt sind. Wir erlebten in den vergangenen Monaten allzu viele staatliche Vergabe-Skandale. Nicht nur bei uns im Tessin, sondern auch auf Bundesebene.

Die Arbeitslosenversicherung ist ein wichtiges Instrument für unsere Volkswirtschaft. Sie erlaubt es, die Kaufkraft zu behalten, was speziell in Krisenmomenten und bei entsprechend höherer Arbeitslosigkeit von großer ökonomischer und sozialer Bedeutung ist. Allein das ist Grund genug, um die Institution so effizient wie möglich zu betreuen – und unterm Strich möglichst viel Geld für die Arbeitslosen selber auszugeben.