Tiere präparieren

Wenn mir abends die Ohren sausen vom verwirrenden Weltgeschehen, von zum Jenga-Turm aufgestapelten Deadlines und dummen Menschen, dann gehe ich an mein Tiefkühlfach und nehme eine eiskalte Wachtel in die Hand. Leider habe ich nur noch sieben davon, und leider habe ich gerade kein Hautkonservierungsmittel und keine Naphthalin-Kugeln mehr im Haus, um das briketthart gefrostete Vögelchen auch auftauen, aufschneiden und ausstopfen zu können, aber die paar Besinnungsminuten mit der kalten, sonst jedoch komplett intakten, voll befederten Wachtel beruhigen mich trotzdem. Ein Weilchen.

Tiere präparieren, das klingt schaurig, dabei ist es eine erhabene Kunst. Gut, man bricht dabei Knochen, löst Augen aus den Höhlen und kratzt Gehirn aus dem Schädel. Trotzdem gibt mir dieses Hobby eine seltene Ruhe und Besinnlichkeit. Es ist nicht leicht zu erklären.

Meine Leidenschaft für die Taxidermie, die Präparierkunst, begann, als ich (für mich recht überraschend) bei der Financial Times Deutschland anfing und eine Dekoration für meinen Schreibtisch suchte. Weil ich – viel mehr Tierfreundin als Wirtschaftsfüchsin – bei jeder Nennung des Wortes "Dax" immer als Erstes an das gleich klingende Tier denken musste, fiel meine Wahl auf ein ausgestopftes Exemplar.

Mein dringender Wunsch, ein Tier selbst zu präparieren, erwachte, als ich einmal für eine Recherche Polly Morgan in ihrem Atelier besuchte. Die britische Künstlerin bettet zum Beispiel tote Blaumeisen schwer ästhetisch auf aufgeschlagene Kirchengesangsbücher, und dann kommt Kate Moss und kauft sie. Polly ließ mich in ihre Gefriertruhe schauen und gefrorene Maulwürfe streicheln. Sie waren samtig wie sonst nur Französische-Bulldoggen-Ohren an ihrer geschmeidigsten Stelle.

Die Künstlerin jedenfalls hatte ihr Handwerk in einem Eintageskurs bei einem Präparator gelernt und ermunterte mich, es auch mal zu probieren: "Deine ersten fünfzig Vögel werden erbärmlich aussehen, aber der einundfünfzigste ist dann richtig gut." Also belegte ich Kurse. Einen beim mehrfachen Weltmeister in Falkenpräparation, der ulkigerweise so heißt wie ein berühmter Schlagersänger, zwei bei einer hipsterigen Rockabilly-Präparateuse, die eine tote Maus mit ausgeixten Augen auf den Oberarm tätowiert hat.

Die Tiere, die ich präparierte, wurden nie für mich getötet, das war mir wichtig: Ferdl, der Falke, war eines natürlichen Todes gestorben und lag schon zwölf Jahre in der Tiefkühltruhe seines Falkenzüchters, die Mäuse und Kaninchen waren bereits getötete Schlangenfuttertiere, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hatten.

Von meinem einundfünfzigsten, gloriosen Tier bin ich noch weit entfernt. Es wird wohl kein Vogel werden, denn am einfachsten lassen sich tatsächlich Mäuse präparieren, und die Arbeit an ihnen ist gleichzeitig auch die fesselndste, beruhigendste, am demütigsten machende. Einfach weil ihre Körperform leicht nachzubilden ist. Im Grunde wickelt man einfach aus Wattewürstchen und Faden einen festen, überdimensionierten Tampon, dem man das abgezogene Fell samt Kopf und Pfoten wie einen klitzekleinen Mäuse-Schlafanzug anzieht.

Schon meine erste Maus gelang. Sie steht jetzt unter einer kleinen Glaskuppel, guckt ein bisschen wie Johnny Rotten und hält in einer Pfote eine winzige Bierdosen-Miniatur aus dem gehobenen Puppenhausbedarf.

Man muss beim ersten, entscheidenden Mäuse-Bauchschnitt aufpassen, dass man ihre dünne Haut mit dem Skalpell nur anritzt und nicht den gleich darunter liegenden Organsack verletzt. Dessen schmodderhaft heraussudelnder Inhalt würde sofort die ganze Maus verderben.

Es hat dann etwas unfassbar Beruhigendes, das Innere eines Lebewesens zu betrachten. Mal nicht nur auf das Äußere, die optimierungsfähige Hülle zu schauen. Eine aufgeschnittene Maus wird durch keinen Filter der Welt Instagram-tauglich, aber man fühlt sich klein und unbedeutend, wenn man wie ein Hilfs-Uhrmacherpraktikant mit dem Finger in Mäusegekröse wühlt: Diese kleinen Knöchlein und Dingelchen machen es am Ende aus, das Leben. Alles so viel trivialer, als die Sorgen, der Stress, die ganze tägliche Dramatik einem weismachen wollen.