Frage: Was ist eine gelungene Übersetzung?

Karl-Heinz Göttert: Man darf von einer Übersetzung nicht erwarten, dass sie wiederholt, was im Original stand. Sie transportiert vielmehr den Text in eine neue Sprache und bietet dabei eine Interpretation an. An dieser Interpretation bemisst sich, was wir für gelungen oder missglückt halten. Es hat Zeiten gegeben, in denen man geglaubt hat, gelungen sei etwas, wenn es sich mit der eigenen Vorstellungswelt deckte. Und dann gab es Zeiten, in denen gesagt wurde: Gelungen ist etwas, wenn es sich mit dem deckt, wie es ursprünglich gemeint gewesen ist. Luther steht da eindeutig für die erstgenannte Position, er will in der Übersetzung seine Theologie zum Ausdruck bringen.

Frage: Aber die Bibel ist ja mehr. Sie ist eine heilige Schrift. Sie nimmt für sich in Anspruch, die Wahrheit zu bezeugen. Gibt es eine Wahrheit des Textes, die sich durch sich selbst beglaubigt?

Göttert: Dass ein Text aus sich selbst heraus verstanden werden kann, ist eine kühne These. Dazu brauchte es einen absoluten Wahrheitsanspruch. Dem steht aber unsere Erfahrung entgegen. Die geschichtliche Entwicklung des Denkens lehrt uns, dass es diese endgültige Wahrheit nicht gibt. Auch nicht im Buch der Bücher. Auch dessen Texte gerieten in den Strom der Zeiten und damit in den Strom der Interpretationen.

Frage: Die Heiligen Schriften – sind nicht gerade sie sakrosankt gegen Interpretation, unberührbar sozusagen?

Göttert: Das wurde in der Tat behauptet, wobei eine sehr spezielle Vorstellung ins Spiel kam: die Inspiration. Damit wurde unterstellt, dass der biblische Text direkt von Gott stammt. Das belastet die Übersetzung mehr als in jedem anderen Bereich. Wenn nämlich Gott spricht, dann kann es nur noch das Finden dessen geben, was er gemeint hat. Die, die dann übersetzen, nehmen für sich in Anspruch, die Wahrheit nur zu wiederholen. Das ist heikel und Anlass für Religionsspaltungen.

Frage: Wie wichtig ist denn Authentizität für einen Text?

Göttert: Schon Montaigne hat nicht allzu weit von Luthers Zeiten entfernt ein tausendseitiges Buch darüber geschrieben, dass es Authentizität nicht geben kann. Wir Menschen bewegen uns vielmehr immer in Interpretationen, aus denen wir nicht wirklich ausbrechen können.

Frage: Jeder Mensch kann einen Text nur im Rahmen des eigenen Erkenntnisstandes verstehen?

Göttert: Genau, und das zeigt sich eben besonders beim Übersetzen. Es ist eine Täuschung, zu glauben, dass jeder, der den gleichen Text liest, ihn auch wie jeder andere auf die gleiche Weise versteht. Um es einmal positiv zu sagen: Man hat schon früh erkannt, dass dieses andere Verstehen eine Bereicherung sein kann, dass ein Text sein Bedeutungspotenzial erst in den Interpretationen entfaltet. Die Bibelübersetzung ist dafür ein Musterbeispiel.

Frage: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über den historischen Jesus – beeinflusst das die Übersetzung?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Göttert: Die Berichte über Jesu Leben sind nicht direkt überliefert, sondern in den Evangelien aus Bauteilen zusammengefügt worden. Über deren realen Ursprung kann man nur spekulieren …

Frage: … und fingieren?

Göttert: In der Tat, die Bibel – nehmen wir in diesem Fall das Alte Testament – ist ja nicht so entstanden, wie sie sich gibt. Im 6. Jahrhundert, als das jüdische Volk bedroht war, wurden unter diesem Druck Geschichten zusammengestellt, die zum Lebensplan wurden, um mit seiner Befolgung die Rettung durch Jahwe gewissermaßen herbeizuzwingen.

Frage: Lenin sagte einmal sinngemäß: Wer das Telegrafenamt erobert hat, hält die Fäden der Macht in der Hand. Ist die Diskurshoheit über einen Text nicht auch eine Machtfrage, die von historischen Konstellationen mitbestimmt wird?

Göttert: Zu dieser Diskurshoheit gehört jedenfalls eine Antwort darauf, worin die Wahrheit des Neuen Testaments begründet ist. Man hätte sagen können, in Augenzeugenberichten. Aber abgesehen davon, dass diese irgendwann nicht mehr lebten, sind sie anfechtbar. Man benötigte etwas Fundierteres, um die im Neuen Testament verkündete Wahrheit zu legitimieren. Was aber kann die Beweislast tragen? Die Antwort war: das Alte Testament mit seinen Weissagungen, dass der Messias kommen werde. Bei dieser Vereinnahmung kamen vor allem die Propheten wie gerufen. Luther hat diese Vereinnahmung letztlich zu ihrem Höhepunkt geführt.