Hinter einer roten Stahltür in Manhattan liegt eine kleine Welt aus Licht. Sie ist hell, grün und strahlt, als wäre sie nicht irdisch. So, wie es eben aussieht, wenn in einer Lagerhalle die Zukunft getestet wird.

"Lowline Lab" steht auf großen Bannern über dem Eingang, und dieser Name verrät schon viel von dem, was man über diesen Ort wissen muss. Low wie tief, line wie Bahnlinie, lab wie Labor. Es ist eine Anlehnung an die Highline im schicken Stadtteil Chelsea, wo Anwohner auf einem verlassenen Hochgleis einen Park angelegt haben. Die wurden für ihre Pläne zuerst ausgelacht. Heute kommen jährlich Millionen Besucher vorbei. Auch die Lowline will einmal ein Park werden. Und zwar – da diese Geschichte in New York spielt, braucht sie einen Superlativ – der erste Park unter der Erde. Das Projekt soll einmal ganz in der Nähe des heutigen Labors entstehen, mitten in Manhattan. Es ist nur ein paar Minuten von der Lagerhalle entfernt, in der die Idee ausprobiert wird. Eine Wendeschleifen-Haltestelle für Straßenbahnen, die seit den fünfziger Jahren leer steht, haben sich die Macher ausgeguckt – 5.500 Quadratmeter Platz für Ideen. Wenn man mit der Metro von Brooklyn nach Manhattan über die Williamsburg Bridge fährt, sieht man hinüber in das vermüllte, rußgeschwärzte und traurige Areal.

Die Idee vom Untergrund-Park ist völlig überdreht, bescheuert selbst für New Yorker Maßstäbe. Schon weil hier jeder Quadratmeter Fläche kommerzialisiert ist und sich jede öffentliche Investition gegen das Totschlagargument der Steuerverschwendung durchsetzen muss. Gleichzeitig ist es eine visionäre, großartige Idee, weil sie zeigt, wie Bürger den öffentlichen Raum erobern können. Doch noch wichtiger ist: Der Untergrund-Park könnte schon heute eine Technik populär machen, die vielleicht einmal unsere Wohnhäuser und Büros, selbst ganze Städte verändern wird.

Die Lagerhalle mit dem Lowline Lab steht in der Lower East Side, einer emblematischen Gegend. Vor 100 Jahren hausten hier Immigranten in heruntergekommenen Mietskasernen mehr über- als nebeneinander, schufteten in Heimarbeit für die Textilindustrie und steckten einander mit Tuberkulose an. Um die Wende ins 20. Jahrhundert war das Viertel der am dichtesten besiedelte Flecken Erde, in den Siebzigern und Achtzigern galt der Ort in der feinen Gesellschaft als gefährlich und heruntergekommen. Künstler wie Patti Smith, William S. Burroughs, Mark Rothko und Andy Warhol lebten und feierten hier. Heute ist die Lower East Side durchgestylt, aber noch immer rauer als viele Ecken von Manhattan.

Dan Barasch passt hier gut hinein mit seinen teuren Sneakern und den Wuschelhaaren, dazu sorgfältig unrasiert. Früher arbeitete er als Marketingmanager bei Google, aber diesen Job gab er auf, um die Lowline-Idee voranzutreiben. Sein Partner ist ein ehemaliger Nasa-Ingenieur. Zum Termin im Lowline Lab kommt er ein paar Minuten zu spät und beginnt sofort zu reden. "Dieses Viertel ist heute noch erste Anlaufstelle für Immigranten, vor allem Chinesen und Mexikaner, es ist ein Knotenpunkt dieser Stadt und dieses Landes. Dieser Ort hat Geheimnisse."

Eine grüne Installation, die gut ausgeleuchtet in der Mitte der Halle steht, ist bislang das einzig Greifbare, was von den hochfliegenden Plänen sichtbar ist – die gesamte unterirdische Wendehalle soll einmal zur grünen Oase werden, mit Park, Gehwegen, Geschäften. 80 Millionen Dollar soll das alles einmal kosten, bislang sind nur diese 60 Quadratmeter realisiert. Dafür hat das Team 150.000 Dollar per Crowdfunding gesammelt. Das ist eine erste Erkenntnis: dass allein die Idee es schafft, so viel Kapital zu mobilisieren. Eine andere, wie unerwartet magisch das Ergebnis aussieht. In der Halle, die nur am Wochenende für Besucher geöffnet ist, sind jetzt, an einem Dienstag, alle künstlichen Lichter ausgeschaltet. Nur in der Mitte des Raums strahlen Inseln in Sommerwiesengrün. Eine Grundform wie ein ausgelaufener Tuschefleck, der sich in der Mitte auf Augenhöhe erhebt und über und über mit Kräutern, Ranken, Blumen und Gräsern bepflanzt ist.

Das Licht wird von Parabolspiegeln auf dem Dach der Lagerhalle aufgefangen. Wie Sonnenblumen folgen sie dem Verlauf der Sonne und bündeln das Licht auf seine 30-fache Stärke. Dann lenken sie es in Glasfaserkabel. Die funktionieren wie Wasserrohre: Sie leiten das Licht dorthin, wo es gebraucht wird, auch um Ecken und Kurven. Ein metallener Baldachin empfängt die Strahlen und verteilt sie auf die Wiese. Die Technik stammt aus Korea, doch so wie hier wurde sie noch nie eingesetzt. "Manche Pflanzen wachsen hier seit der Eröffnung, andere sind abgestorben, wieder andere brauchen ständige Pflege. Wir lernen und werden besser", sagt Barasch. Er beugt sich hinunter, um nach einer Erdbeerpflanze zu suchen, die vor ein paar Tagen ihren ersten Fruchtansatz gezeigt hat. Als er sie findet – unverkennbar mit einer Erdbeere –, grinst er und fotografiert sie wie ein Vater seinen Sohn bei der Einschulung.