"Reality bites" ist ein geflügeltes amerikanisches Wort, etwa "Wirklichkeit tut weh". In Trump-Zeiten muss eine andere Übersetzung her: "Präsident werden ist nicht schwer; Präsident sein dagegen sehr." Wie die Realität der Gewaltenteilung zubeißt, musste Trump schon in seiner ersten Amtswoche spüren, als er per Präsidialdekret 13769 ein Einreiseverbot gegen Bürger aus sieben muslimischen Ländern verfügte. Eine Reihe von Bundesgerichten verwarf die Order als verfassungswidrig. Hernach scheiterte Trump in der Revision.

Doch waren das nur Etappen-Schlappen, gemessen an Trumps Stalingrad im Kongress, als seine Vorlage für eine nationale Krankenversicherung, eine Säule seiner Wahlkampagne, am Wochenende im Schredder landete. Im Vergleich zu dieser Katastrophe lief die Flucht der Briten aus Dünkirchen 1940 geradezu würdevoll ab. Eine Stunde vor dem Votum zog Trump das Gesetz wutentbrannt zurück. Zu viele Republikaner hätten gegen ihn gestimmt.

So musste es kommen, wenn ein aberwitziger Populist nicht kapiert, wie der politische Prozess in dem feinen Räderwerk der Checks and Balances abläuft – wo er kungeln, aushandeln und Koalitionen schmieden muss. Wieso denn? Er ist doch gegen das verachtete Establishment angetreten. Er hat es doch ganz allein geschafft, die Profis auf dem Weg zur Nominierung wegzuputzen. Das Volk und niemand sonst hat ihn gewählt, ja auserwählt. Außerdem: "Ich bin ein sehr schlauer Kerl", sprich der schlauste überhaupt, der das schwierigste Amt der Welt mit links ausübt.

Politik ist eben ein richtiger Beruf, den man nicht im Immobiliengewerbe lernen kann. Kein Präsident vor Trump ist mit dieser Mischung aus Arroganz und Ahnungslosigkeit ins Weiße Haus gekommen. Washington und Eisenhower hatten Armeen geführt. Kennedy hatte als Senator, der "Erdnussfarmer" Carter als Gouverneur gelernt. Der als "B-Schauspieler" verlachte Reagan war ein mächtiger Gewerkschaftsboss, dann regierte er acht Jahre lang Kalifornien, den bevölkerungsstärksten Staat. Trump aber hat Geschäfte gemacht und dabei diverse Pleiten hingelegt.

Der Dilettantismus ist atemberaubend. Jüngst stöhnte er: "Ich wusste gar nicht, wie kompliziert Gesundheitsfürsorge sein kann." Realitäts-Check: Die Obama-Versicherung, die Trump wegfegen wollte, umfasst 2700 Seiten, plus 20.000 an Ausführungsbestimmungen. Eine aktuelle Umfrage hatte Trumps Entwurf gerade mal 17 Prozent Zustimmung beschert – weit unter den Werten für Obamacare. Seine Republikaner-Garde im Kongress grollte und warnte. Am letzten Tag vor der Schmach behandelte Trump das Gesetzeswerk wie ein Einsturzhaus, indem er Pfeiler herausriss und neue Wände hochzog, ohne die Statik zu berechnen oder Experten zu befragen. Fazit laut Paul Ryan, dem Chef des Repräsentantenhauses: "Wir werden mit Obamacare leben müssen, fürs Erste." Und die Moral? Wir spötteln gern über die "Ochsentour", die deutsche wie europäische Politiker auf dem Weg nach oben durchlaufen müssen. Das macht sie nicht besonders interessant, unterhaltsam oder tapfer. Doch sie kennen die Handgriffe und die Konsequenzen. Sie wissen auch: Pluralistische Demokratien sind so angelegt, dass sie Wandel nur in kleinen Portionen erlauben. Oder so: Profis sind besser als Populisten. In Europa wie in Amerika.