Letztes Jahr im August übernachtete ich in einem kleinen Hotel in der Schweizer Klosterstadt Einsiedeln und wunderte mich beim Aufwachen über zwei kleine Löcher in der Wand, direkt über dem Nachttisch, die mir am Abend nicht aufgefallen waren. Das Zimmer war immer noch eingerichtet wie in den dreißiger Jahren. Die zwei schwarzen Löcher in der Prägetapete waren bald hundert Jahre alte Ringe aus Bakelit – einem Material, das ich seit Jahrezehnten nicht mehr gesehen hatte. Neben dem Türrahmen befand sich auch ein Lichtschalter aus schwarzem Bakelit, und wenn man ihn drehte, schnappte der zierliche Flügel mit einem warmen Klackgeräusch in die andere Position. Unwillkürlich dachte ich an das Haus meiner Großeltern, wo sich ähnliche Schalter befanden. Ich sah mich als Kind dort in den Keller hinuntersteigen, um Obst oder Ofenholz heraufzuholen. Jedes Mal folgte mir ihr Cockerspaniel, er war neugierig, und ich glaube, er hatte ein Auge auf mich. Der Hund, schrieb W. G. Sebald mal, wisse manches genauer als wir. Er sei ein "Geheimnisträger, der mit Leichtigkeit über die Abgründe der Zeit läuft, weil es für ihn keinen Unterschied gibt zwischen dem 15. und 20. Jahrhundert".

Jedes Wochenende streife ich über Flohmärkte. Ich vermag es nicht, mit "Leichtigkeit über die Abgründe der Zeit" zu laufen. Zumindest nicht mehr, seit die Kindheit im Haus meiner Großeltern vorbei ist. In mir entstand das Bedürfnis nach einem Echolot. Sein Signal hallt nicht in den Raum, sondern in die Zeit. Nach meinem fünfzigsten Geburtstag begann ich, eine Liste mit Dingen zu führen, von denen ich glaube, dass sie in meiner Lebenszeit erfunden wurden, und eine zweite Liste mit Dingen, die während meiner Lebenszeit verschwunden sind.

In die Listen sind nicht nur Gegenstände eingegangen, sondern auch Moden, Ideen, Organisationen, Gesetze, Technologien oder Stile – alles, was in meinem Leben Spielregeln verändert hat. De facto sind diese Listen unendlich, da jeder Aspekt von Spezialisten grenzenlos zu vertiefen wäre. Sie sind wildwüchsige Sammlungen von etwas Neuem, das nun nicht mehr neu ist oder gar nicht mehr da, und wenn sie mir zu etwas dienen, dann zur Perspektivierung meiner Erfahrungen hier auf Erden.

Mit dem fünfzigsten Geburtstag empfand ich erstmals jedes zusätzliche Jahr als ein Jahr weniger. Und das ist sicher der eigentliche Grund für die Entstehung dieser Listen. Speziell die erste erweckt bei jedem Lesen unwillkürlich Freude: Sie führt zu Erinnerungen, weil die angeführten Dinge oft banal sind. Es ist vor allem ein Staunen darüber, was ich alles erlebt oder mitvollzogen, beobachtet und entdeckt habe, ohne mir dafür die geringste Mühe zu geben; es geschah in der Regel einfach. Und es freut mich natürlich, dass die Zahl der Dinge, die in meiner Lebenszeit hinzugekommen sind, zahlreicher und auch fundamentaler zu sein scheinen als jene, die verschwanden. Bei vielem habe ich mich auch getäuscht – Münztelefone gibt es noch, Autozüge, Wachstuchtischdecken und den Fleischwolf auch. Man selbst verliert die Dinge schneller als die Zeit.

Douglas Adams hat drei Gesetze für unsere Reaktion auf Technologien beschrieben. Erstens: Alles, was zum Zeitpunkt unserer Geburt bereits vorhanden war, wird als Bestandteil der natürlichen Ordnung empfunden. Zweitens: Alles, was in der Zeit zwischen dem fünfzehnten und fünfunddreißigsten Lebensjahr erfunden wurde, ist aufregend, revolutionär und fördert vielleicht sogar die eigene Karriere. Drittens: Alles, was nach unserem 35. Geburtstag erfunden wurde, verstößt gegen die natürliche Ordnung der Welt und wird abgelehnt.

Ich habe überlegt, meine Liste diesem Muster folgend zu ordnen, aber es wäre mühsam und streitbar und letztlich nur eine von vielen Möglichkeiten, mit diesen Erinnerungen umzugehen. Die Listen führen auch und vielleicht gerade in all ihrer Unordnung vor Augen, wie schnelllebig die Zeit ist, wie subjektiv sie erlebt wird.

Ich bin überzeugt, dass die verschwundenen Dinge interessanter sind, weil man mit ihnen auf eine stille Weise weiterlebt, die immer unteilbarer wird. Diese Liste ist für jemanden aus Ostdeutschland mit Sicherheit länger. Aber Douglas Adams’ zweites Gesetz wirkte in Ost und West gleichermaßen und schafft mehr Gemeinsamkeiten im Rückblick, als man glaubt. Und natürlich ist jede dieser Listen nur ein Anfang. Jeden fordern sie heraus, und jeder kann sie fortsetzen.

Ich glaube nicht, dass 1966 ein Wendejahr war oder irgendeine besondere Signifikanz besitzt. In den USA begann die Ausstrahlung von Star Trek, und John Lennon sagte in einem Interview, die Beatles seien nun populärer als Jesus. Es war einfach das Jahr, in dem ich zur Welt kam.