Hier will einer alles richtig und kann doch nur alles falsch machen: Oberkirchenrat Klaus Eberl – randlose Brille, Schnauzer, Seitenscheitel, blau-weiß kariertes Hemd – hat sich selbst zu einem Youtube-Video verdonnert. Er will sich und seine Kirche erklären. Das öffentliche Interesse war übers Wochenende zu groß geworden. Zu öffentlichkeitswirksam war die Kombination aus "Kondome", "Kirche" und "Verbot". Haben auch die Protestanten ein Problem mit dem Sex?

Der Reihe nach: Die Evangelische Kirche im Rheinland musste vergangene Woche schmerzlich erfahren, was der sogenannte Streisand-Effekt meint, nämlich die exponentielle Erregung öffentlichen Interesses nach vorheriger Unterbindung einer unangenehmen Angelegenheit. In diesem Fall: Jugendliche der Düsseldorfer Jugendkirche hatten Kondome mit Luther-Sprüchen verteilt. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders", stand da beispielsweise. Oberkirchenrat Eberl fand die Aktion gar nicht witzig und unterband sie kurzerhand. "Wir sind mit den Initiatoren übereingekommen, die Aktion zu beenden", heißt es im Video versöhnlich. Man habe natürlich nichts gegen Sex, sagt er, auch nichts gegen Kondome, und schon gar nichts gegen die Reformation – doch die Kombination sei nun mal unglücklich.

Die Kirche stand verklemmt da, verbohrt und humorbefreit. Tenor in den Kommentarspalten: "Die Kirche verbietet Jugendlichen Kondome, 2017, haha, was für ein überkommener Verein!", das Themenfeld lud zu anzüglichen Wortspielen ein. Dann hatte der Spaß plötzlich ein Ende, als herauskam, dass einige Sprüche auf den Kondomen wesentlich derber waren als der Luther-Klassiker vom Stehen und Nicht-anders-Können. Einige Kommentatoren versuchten da noch, die jugendlichen Anzüglichkeiten zu verteidigen: "War sicher nicht so gemeint", "Ist doch lustig, auch für mich als Frau", et cetera. Doch die meisten wandten sich betreten anderen Themen zu, so als wären sie beim Lachen über einen Vergewaltigungswitz erwischt worden. Die Provokation der Jugendlichen war ein Skandal mit Ansage. Man könnte auch sagen: Es war unbeholfene Satire. Das macht die Aktion, deren Adresse im Netz "heutewirdgenagelt.de" hieß, nicht weniger sexistisch. Doch die Perversion des Personenkultes um Luther hat nicht mit der Kondom-Aktion der Düsseldorfer Jugendkirche angefangen. Der Reformator muss 500 Jahre nach seinem Thesenanschlag für alles Mögliche herhalten: Es gibt Luther-Socken, Luther-Salami, Luther-Gummienten. Der Hype um Martinus füllt inzwischen ein ganzes Kuriositätenkabinett – seht, wir haben den größten und den schönsten Reformator! Bei Twitter ist "Luther" tatsächlich schon vor der Kondomaffäre bei einigen Spaßvögeln zum Synonym fürs männliche Geschlechtsteil avanciert. Die Idee, Luthers Sprüche auf Kondome zu drucken, war da nur eine Frage der Zeit. Die Kirchenleitung verbucht die Aktion unter pubertärem Leichtsinn. Statt auf dumme Gedanken zu kommen, sollen die Jugendlichen sich in der Kirche zukünftig bitte wieder brav verhalten – auch wenn die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit ihnen eine Steilvorlage nach der anderen liefert. Den eigenen Anteil am Ausverkauf des Reformators gesteht der Oberkirchenrat nicht ein.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Jugendlichen dürften bei dieser einseitigen Kommunikation wohl kaum verstehen, warum es über einen Imageschaden hinaus problematisch sein könnte, die derbe Sprache des Reformators auf die Intimsphäre zu übertragen. Durch das drastische Verbot von oben lernen sie nichts aus der Sache. Sie werden von ihrer Kirche in einer sexualisierten Welt alleine gelassen, in der es etwa in Pornoportalen vollkommen normal ist, Frauen zu erniedrigen. Zwar will die Landeskirche mit den Jugendlichen reden im Nachhinein. Doch ob diese Gespräche auf Augenhöhe stattfinden können und die Perspektive der Jugendlichen eine Rolle spielt, ist nach dem Eklat fraglich. Zugegeben, die Landeskirche hat manchen frauenverachtenden Kondomspruch wohl aus priesterlicher Fürsorge für die Jugendlichen oder aus Rücksicht auf Opfer der Öffentlichkeit vorerst vorenthalten. Aber natürlich spricht auch aus diesem späten Versuch der Schadensbegrenzung ein institutioneller Paternalismus, der in Klaus Eberls Fall Befehle erteilt und in einem Brief von einem "Abbruch" der Aktion spricht. Wie ein "Übereinkommen" mit den Jugendlichen, von dem im Video die Rede ist, klingt das nicht.

Der Kirchenrepräsentant möchte auf keinen Fall als sexualfeindlich dastehen. "Einvernehmlicher Sex macht Spaß", sagt er im Video. Eine Binsenweisheit. Das soll bloß nicht verklemmt erscheinen – tut es aber doch. Seine Argumentation gibt sich feministisch, richtig überzeugend aber ist sie nicht. Sie wirkt bemüht, bürokratisch korrekt, wie nur eine Institution über Sex reden kann, nur eine protestantische.

Der Fall fand so weite Verbreitung, weil Skandale um Sex, Kirche und Verbote Aufmerksamkeit sichern, ja, aber auch, weil Protestanten ein Problem haben: mit dem Sex – und mit Luther. Ein paar Jugendliche aus Düsseldorf sollten dafür nicht alleine geradestehen müssen.