Zahlenmäßig sind die Soldaten bei Counter-Strike den Landstreitkräften der U. S. Army weit überlegen. Bis zu 850.000 kämpfen in dem Computerspiel gleichzeitig gegeneinander. Auf virtuellen Schlachtfeldern jagen sie Terroristen, erobern Stadtviertel, locken Feinde in Fallen. Ihre Gewehre, Granaten und Maschinenpistolen existieren zwar nur auf Bildschirmen. Doch selbst wenn sie lediglich virtuell Schaden anrichten, lässt sich mit ihnen ganz real Geld verdienen – oder verlieren. Denn bei Counter-Strike können Spieler mit ihren Waffen handeln. Hunderttausende tun es bereits.

Einer von ihnen ist André Rupp. Der 26-jährige Hamburger hat sich schon sein Studium mit dem Waffenhandel bei Counter-Strike finanziert: Er kaufte virtuelles Kriegsgerät billig ein und verkaufte es mit Aufschlag an andere Spieler weiter. Das sei anfangs nicht leicht gewesen, erinnert er sich. Ein Großteil des Waffenhandels finde bis heute "meist auf sehr dubiosen und unsicheren Marktplätzen statt, auf denen Neulinge tendenziell ausgenommen werden", sagt er. Während eines Praktikums bei der Deutschen Börse sei ihm aber klar geworden, dass virtuelle Waffen sich kaum von anderen Finanzprodukten unterscheiden. Und daraus macht er nun ein Geschäft.

Inzwischen arbeitet Rupp für Naga. Das Start-up aus Hamburg errichtet gemeinsam mit der Deutschen Börse eine globale Handelsplattform für Waffen und andere virtuelle Objekte aus Computerspielen. Schon heute würden jedes Jahr In-Game-Items für mehr als 46 Milliarden Dollar ge- und verkauft, teilt die Börse mit. Künftig soll es für Spieler und Anleger möglich sein, virtuelle Gegenstände so selbstverständlich zu handeln wie Aktien oder Fondsanteile. Noch vor dem Sommer soll der neue Marktplatz ans Netz gehen.

Bisher sind es vor allem die Computerspieler selbst, die mit den virtuellen Gütern dealen. An die zwei Milliarden Menschen spielen an Computern, mit Smartphones oder Konsolen. Ob Krieg oder Sport, Science-Fiction oder Fantasy, alles ist möglich in Welten wie denen von League of Legends, Fifa oder Dota 2. Oft investieren die Spieler viel Zeit, um die Fähigkeiten ihrer Figuren zu verbessern. Oder sie kaufen ihnen Ausrüstung. Weil viele Spiele seit Jahren gespielt werden und eine riesige Fangemeinde haben, entsteht ein Markt für Gebrauchtwaren. Komplette Spieler-Accounts werden dort ebenso gehandelt wie einzelne Gegenstände – bezahlt wird mit echtem Geld. So wie man bei iTunes Songs für seine Musikbibliothek kaufen kann, lassen sich auch virtuelle Kleider, Häuser, Schmuckstücke oder eben Waffen erwerben. Mit dem Unterschied, dass man sie innerhalb vieler Spiele weitergeben und teils sogar wieder in echtes Geld zurücktauschen kann – bestenfalls mit Gewinn.

Counter-Strike ist bei den Händlern virtueller Güter besonders beliebt. Die Firma Valve aus Bellevue im US-Bundesstaat Washington hat das Schießspiel bereits 1999 entwickelt. Seitdem hat der Ego-Shooter zahllose Debatten über Killerspiele überstanden und ist in der aktuellen Version Counter-Strike: Global Offensive (CS:GO) eines der erfolgreichsten Spiele überhaupt. Turniere erreichen ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt, eigene Ligen feiern ihre Superstars wie Spitzensportler.

Dieser Artikel stammt aus ZEIT GELD Nr. 14 vom 30.3.2017.

Dieses Spiel ist längst kein Spiel mehr. Es ist eine Welt mit harten ökonomischen Gesetzen, die zeigen, wie Preise von virtuellen Gütern entstehen. Kaum etwas beweist das so gut wie die Geschichte der M4A4 Howl. Das Kürzel steht für einen Gewehrtypus, Howl für ein Design – die Waffe war mit einem Wolf in Rottönen bemalt, der frappierende Ähnlichkeit mit einem Kunstwerk hatte. Dessen Schöpfer beschwerte sich bei Valve. Dieses Modell werde nie wieder produziert und erhalte "den raren Status ›Schmugglerware‹", teilte Valve daraufhin den Besitzern mit. Und machte sie so reich.

Denn die Preise dieser Limited Edition stiegen prompt. Je nach Zustand der virtuellen Waffe – der sich innerhalb des Kriegsspiels von "fabrikneu" bis "abgenutzt" ändern kann – wird sie auf der Handelsplattform OPSkins heute für 600 bis 2.500 Euro angeboten. Zum Vergleich: In anderen Designs kosten M4A4-Gewehre teils weniger als zehn Euro.

Das seltene Gewehr ist nun ein Sammlerstück, das man am besten im Schließfach aufbewahrt. Tatsächlich erinnern die Inventarlisten mancher Hobbysoldaten an Wertpapierdepots. Der Spitzenreiter in der Datenbank "CS:GO-Analyst" besitzt angeblich virtuelle Gegenstände im Wert von 14.321 Dollar. Naga-Mitarbeiter Rupp glaubt, dass die wirklich großen Depots gar nicht öffentlich einsehbar und an die 100.000 Dollar wert seien.