Je linker Deutschland in den Umfragen wird, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass am Ende zwei oder gar drei linke Parteien regieren. Im Saarland war Rot-Rot so lange eine Option, bis es zur Wahl stand. Gekippt ist die Lage in dem Moment, da Martin Schulz das Go für ein rot-rotes Bündnis gab. In der Wahlkabine überlegten die Wähler es sich mehrheitlich anders: Links ist ganz schön, doppelt links ist nur noch halb so schön.

Zweierlei folgt daraus: Immer mehr Wähler ziehen ihre Bilanz buchstäblich in letzter Minute. Es lohnt sich also, bis zum Schluss zu regieren. Und: Die Wähler wollen, dass es gerecht zugeht in Deutschland. Sie glauben aber nicht, dass es gerechter wird, je mehr linke Parteien regieren, sondern höchstens instabiler.

Mit Kulturkampf hat das wenig zu tun, auch wenn CSU und CDU mit dem Begriff Linksfront gern die eigenen Anhänger aufregen. Eher damit, dass die Wähler am Wahltag durch die Tortendiagramme hindurchschauen und sich fragen: Wofür stehen die eigentlich? Und wollen wir das wirklich, also in echt, nicht nur so als Idee? Die Antwort im Saarland war eindeutig: Bloß nicht!

Die CDU hat also derzeit außer der SPD keinen Koalitionspartner, die SPD hat mit Grünen und Linken zwei mehr, aber es sind die falschen. Das ist die Lage zu Beginn des Wahljahrs. Den neuen SPD-Vorsitzenden stürzt das unerwartet schnell in das alte Dilemma: Steuert er ein rot-rot-grünes Bündnis auch im Bund an, laufen die Mitte-Wähler zu einer liberalen CDU über, so wie im Saarland. Dort konnte die CDU nicht nur ihre eigenen Anhänger, sondern auch mehr Nichtwähler als alle anderen zusammen mobilisieren. Zumal Oskar Lafontaine, der im Saarland offenbar eine besonders abschreckende Wirkung entfaltet hat, sicher auch im Bund mit im Spiel wäre. Vom Thema Außenpolitik ganz zu schweigen.

Der Hinweis, das Saarland sei nicht Deutschland, trägt übrigens auch nichts zu einer rot-roten Koalitionsaussage bei. Im Gegenteil: Wenn nicht mal die Saarländer ihren Oskar in einer Regierung sehen wollen, die ihn immerhin jahrelang als durchaus seriösen Regenten erlebt haben, warum sollten es die Deutschen im Rest der Republik lieber tun?

Schließt Martin Schulz allerdings eine Koalition mit den Linken aus, verprellt er womöglich die SPD-Anhänger, die sich ein rot-rot-grünes Bündnis seit Langem wünschen und die er durch sein erneutes Ummodeln der Agenda 2010 gerade erst wieder versöhnt hat. Und er muss sich die Frage stellen lassen, mit wem er eigentlich regieren will. Die Grünen sind derzeit kein starker Partner.

Steht die SPD also wieder da, wo sie schon mit Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück gestanden hat: dazu verdammt, ihr Schicksal auf ewig im 20-Prozent-Umfrageturm als Juniorpartner der Union zu fristen, weil die einzige Alternative sich als politisches Nullsummenspiel erweist?

Nein, denn es gibt ihn tatsächlich, den Schulz-Effekt. Anders als seine Vorgänger Steinmeier und Steinbrück steht Schulz nicht im Verdacht, dass er mit der SPD in Wirklichkeit gar nicht so viel zu tun hat oder sie vielleicht noch nicht mal besonders gut leiden kann. Schulz steht, zumindest im Moment, hundertprozentig für seine Partei, und sie steht zu ihm. Durch sein Eintreten für die soziale Frage und die Entdeckung von Europa als Leidenschaftsthema vereint Schulz die Pole Innovation und Gerechtigkeit, die Schröder und Lafontaine 1998 zu zweit darstellten. Beides kann man von Angela Merkel momentan nicht behaupten: Große Teile ihrer Partei sind nach wie vor auf Distanz zur Kanzlerin, und die Leidenschaft in Merkel selbst ist auch noch nicht so richtig ausgebrochen.

Darin liegt also die Chance des Schulz-Effekts: eine Politik anzubieten, die so links ist, dass sie die Linkspartei überflüssig macht, die aber links zugleich nicht nur sozialpolitisch buchstabiert. Schließlich war es nicht die Gerechtigkeit, die den letzten SPD-Kanzler Schröder ins Amt brachte, sondern der Aufbruch.

Schulz’ Ziel muss sein: das Wahlergebnis der Linkspartei möglichst klein zu halten – und nicht, sie in die Regierung zu hieven. Je stärker er und die SPD werden, desto weniger muss er eine Koalition mit der Linken formal ausschließen. Zur Not (aber ohne es so aussehen zu lassen) sollte er es tun. Sonst könnte spätestens bei der Bundestagswahl der Saarland-Effekt den Schulz-Effekt ausknocken.

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