Den Präsidenten plagten düstere Vorahnungen. "Krieg", warnte Woodrow Wilson am 19. März 1917 im vertraulichen Gespräch mit dem Journalisten Frank Cobb, "bedeutet, dass wir alle den Kopf verlieren und das Denken einstellen." Amerika werde dem Militarismus verfallen, Kriegshysterie zum Ende von Toleranz und Meinungsfreiheit führen, die Verfassung zuschanden gehen. "Wenn es noch eine Alternative gibt", rief der tiefreligiöse Mann am Ende des Gesprächs verzweifelt aus, "dann lasst sie uns um Gottes willen ergreifen!"

Seit das Deutsche Reich Ende Januar die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges gegen die neutrale Schifffahrt im Nordatlantik angekündigt hatte, befanden sich Berlin und Washington auf Kollisionskurs. Wilson brach die diplomatischen Beziehungen zum Reich ab, wollte aber nicht glauben, dass die Deutschen gezielt US-Schiffe angreifen und amerikanische Bürger töten würden. Auch als am 1. März die sogenannte Zimmermann-Depesche in den USA bekannt wurde, hielt er an Amerikas "bewaffneter Neutralität" fest. Der deutsche Staatssekretär des Äußeren Arthur Zimmermann hatte im Januar Mexiko ein geheimes Bündnisangebot unterbreitet. Das Telegramm war vom englischen Geheimdienst aufgefangen und Wilson zugeleitet worden, der die Note veröffentlichen ließ. Die Empörung in der US-Öffentlichkeit war einhellig. Mitte März versenkten deutsche U-Boote dann drei amerikanische Frachter. Wilsons Kabinett sprach sich für den Krieg aus, aber der Präsident hielt sich noch immer bedeckt. Erst am 2. April 1917 trat er mit seiner Kriegsbotschaft vor den Kongress.

Fast drei Jahre lang hatte Wilson sein Land aus dem "Großen Krieg" herausgehalten. Von Anfang an rief er seine Landsleute zur Unparteilichkeit "im Denken wie im Handeln" auf. Die Sympathien für das eigene Herkunftsland, mahnte der Präsident vor allem mit Blick auf die deutschamerikanische Minderheit, dürften nicht die nationale Einheit der USA gefährden. Die öffentliche Meinung wusste er auf seiner Seite. Denn auch wenn diese den Westmächten zuneigte: Eine Beteiligung am Krieg schien der überwältigenden Mehrheit unvorstellbar. Seit der Präsidentschaft George Washingtons (1789 bis 1797) war die Nichteinmischung in die Händel Europas ein geheiligtes Prinzip der US-Außenpolitik. Neutralität galt zudem als eine Voraussetzung dafür, dass die Kriegsparteien eine amerikanische Vermittlung akzeptierten, die Wilson bereits im September 1914 vertraulich anbot.

Aus deutscher Sicht verhielten sich die USA jedoch alles andere als neutral: Wilson bestand auf der "Freiheit der Meere", einschließlich des Rechts neutraler Staaten, mit den Kriegsparteien Handel zu treiben. Dieser Anspruch musste zum Konflikt führen. Seit Ende 1914 schnitt die britische Royal Navy Deutschland durch eine weiträumige Seeblockade auch von allen Importen aus den USA ab. Im Februar 1915 wiederum erklärte die kaiserliche Kriegsmarine den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. In einer Sperrzone um die Britischen Inseln mussten alliierte und neutrale Handelsschiffe damit rechnen, ohne Vorwarnung und Rücksicht auf die Besatzungen torpediert zu werden. Sowohl die britische Seeblockade als auch der deutsche U-Boot-Krieg verletzten also amerikanische Neutralitätsrechte. Aber während die US-Regierung es gegenüber der britischen Blockade bei milden Protesten beließ, verurteilte sie den deutschen U-Boot-Krieg als "beispiellosen Akt der Seekriegsführung" und drohte, Deutschland für den Verlust amerikanischer Schiffe und Menschenleben zur Rechenschaft zu ziehen. Die Versenkung des britischen Luxusliners Lusitania am 7. Mai 1915, bei der rund 1.200 Menschen ums Leben kamen, darunter 128 US-Bürger, brachte das Deutsche Reich und die USA schließlich an den Rand des Krieges. Weil die Reichsleitung im Sommer 1915 den U-Boot-Krieg de facto aussetzte, kam es jedoch noch nicht zur Eskalation.

Gestritten wurde über Wilsons einseitige Neutralitätspolitik auch in den USA selbst. Sein prominentester Kritiker war Außenminister William Jennings Bryan, der nach der Versenkung der Lusitania zurücktrat, weil der Präsident sich weder zu einer Verurteilung der englischen Seeblockade entschließen wollte noch zu einer offiziellen Warnung an US-Bürger, auf alliierten Schiffen zu reisen.

Amerikas wirtschaftliche Interessen sprachen unterdessen für eine nachdrückliche Verteidigung der "Freiheit der Meere". Zwischen 1914 und 1916 vervierfachten sich die US-Ausfuhren in die alliierten Länder – ein Großteil davon Rüstungsgüter und Lebensmittel. Rund ein Drittel dieser Waren wurde mit Krediten bezahlt, die amerikanische Banken ausgegeben hatten. Vom einfachen Farmer bis zur Wall Street profitierte die US-Wirtschaft vom Kriegsboom. Dass sich Wilson von den "Kaufleuten des Todes" in den Krieg habe treiben lassen, ist gleichwohl eine Verschwörungstheorie. Belege dafür gibt es keine.

Zeitgenossen wie spätere Historiker haben zudem immer wieder behauptet, Wilson habe die USA – sei es aus missionarischem Eifer, sei es aus realpolitischem Kalkül – zielstrebig in den Krieg geführt. Auch sie irrten: Bis zum Schluss klammerte sich der Präsident an die Hoffnung, den Weltkrieg als Schiedsrichter beenden zu können. Schon Ende 1914 deutete er gegenüber einem Journalisten an, er hoffe auf ein Patt, das die Gegner für eine amerikanische Friedensvermittlung empfänglich machen werde.

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Richtig ist, dass Wilsons Ziele weit über die rasche Beendigung des Krieges hinausgingen: Er strebte nicht weniger als eine globale Neuordnung unter Führung der USA an. Das alte System europäischer Großmacht- und Gleichgewichtspolitik, das die Welt in die Katastrophe gestürzt hatte, sollte durch einen Bund demokratischer Nationalstaaten ersetzt werden. Im Mai 1916 erklärte Wilson erstmals Amerikas Bereitschaft, "als Partner an einer Assoziation der Nationen" mitzuwirken.