In der Kunst sind Grenzgänger sehr beliebt, außerhalb der Kunst weniger. Das ist eine der Paradoxien unserer Zeit – dass wir uns von Künstlern, auch Popkünstlern, gern erzählen lassen, was sie in den Randgebieten ihrer Imagination so alles erleben, und sie loben, wenn sie kreativ Dinge miteinander in Verbindung setzen, die sonst vermeintlich nicht zusammengehören. Man nennt das auch: Grenzen einreißen.

Währenddessen halten wir uns die Erfahrungen von Menschen, die, teilweise unter Einsatz ihres Lebens, tatsächlich Grenzen be- und überschritten haben und uns davon hautnah berichten könnten, Flüchtlinge etwa, gern vom Leib.

Die in Hamburg geborene Popsängerin Jennifer Yaa Akoto Kieck, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Y’akoto, ist nun der spezielle Fall einer Grenzgängerin, die sich sozusagen von der anderen Seite aus auf den Weg gemacht hat. Die Tochter eines ghanaischen Musikers und einer deutschen Politologin wuchs bis zu ihrem elften Lebensjahr in der ghanaischen Hafenstadt Tema auf. Heute pendelt sie zwischen verschiedenen Wahlheimatorten: Hamburg, Paris, Stockholm, Los Angeles, Dakar, Accra, Lomé.

Überall ist sie wohl eher Expat als Migrantin, eher Reisende als Geflüchtete, und doch verband schon Y’akotos bisherige Alben Babyblues (2012) und Moody Blues (2014), in denen sie gekonnt Pop mit Blues und Retro-Motown-Sound verband, die Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin?

Vielleicht erklärt dies, warum sich die 29-Jährige für ihr neues, drittes Album Mermaid Blues die mythische Figur der Meerjungfrau ausgesucht hat. Halb Frau, halb Fisch, zu Hause zwischen Wasser und Land.

Wobei Y’akoto nicht jeden Song aus dieser Perspektive singt. In der mit dickem Cinemascope-Flor ausgelegten Piano-Power-Ballade Fool Me Once geht es um zwei Liebende, die mit dem Schicksal Schnick, Schnack, Schnuck spielen. Im luziden Dance-Song All I Want (Comme Ci, Comme Ça) verarbeitet Y’akoto Einflüsse aus der traditionellen westafrikanischen Highlife-Musik mit perlenden Gitarrenmelodien. Die lassen den Song nach einer Straßenparty im afrikanisch geprägten Pariser Viertel Goutte d’Or im 18. Arrondissement klingen. In King of The Dark hört sie sich fast an wie Sade in ihrem Song Kiss of Life, nur dass Y’akoto nicht von einem Mann durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt wird, sondern ihn warnt: Ich bin kein Territorium, das du einfach so erobern kannst. Die Grenzen zwischen Liebe und Kolonialismus sind manchmal fließend.

Mermaid Blues ist klanglich ein erstaunlich retrofreies Album, das erfreulicherweise auch nicht mitmacht beim Trend zum Superlativismus. Seit die Statistiken von Streaming-Diensten wie Spotify in den offiziellen Albumcharts mit einberechnet werden, haben Popalben die Tendenz, immer länger zu werden, denn: Je mehr einzelne Songs pro Album angeklickt werden, desto höher steigt das Album in den Charts.

Diese Entwicklung führt dazu, dass Alben mit dem akustischen Äquivalent dessen vollgepackt werden, was in der Netzsprache clickbait heißt: Klickköder. Zuletzt war das besonders in den USA zu beobachten, bei Alben von Rappern wie Drake oder Future. Aber auch in Deutschland litt kürzlich – mit 18 Stücken in der Standardversion und 26 Stücken in der Deluxe-Streaming-Edition – Gleisdreieck darunter, das jüngste Album von Joy Denalane, die ja vielleicht die direkteste Mitbewerberin von Y’akoto hierzulande ist. Auf Denalanes Album ging der sanft gezupfte Song Zuhause, in dem sie darüber singt, wie sie sich auf der Straße in Berlin aufgrund ihrer Hautfarbe heute viel prüfenderen Blicken ausgesetzt sieht als noch vor wenigen Jahren, leider ziemlich unter.

Y’akotos Mermaid Blues belässt es bei nur elf Songs. So bleibt man beim Durchhören zum Beispiel immer wieder an Song Nummer acht hängen: Drink My Friend, ein verschleppt schaukelndes Liebeslied. "This ship has been sailing for seven days", singt Y’akoto, es geht mutmaßlich um ein Flüchtlingsboot aus Afrika, das seit sieben Tagen unterwegs ist, keine Insel in Sicht, kein Trinkwasser mehr, kein Essen. Die Meerjungfrau beobachtet dies und lockt die Männer wie eine Sirene zu sich nach unten in die Tiefe. Also: zum Anstoßen auf den Tod. Das ist makaber und eindrücklich – ein Song, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht.

So eine Metaphorik auf einem Album unterzubringen, das dem ersten Eindruck nach vor allem gut gemachten Radiopop enthält: Das ist die gar nicht so kleine Kunst der Grenzgängerin Y’akoto.

"Mermaid Blues" erscheint am 31. März bei Warner Music