Einer der großen Schrecken, die es in der Kultur der Verhüllten gibt, ist das Nacktsein. Der Albtraum des Bürgers, der sich nackt auf dem Marktplatz wiederfindet, von allen Bewohnern der Stadt gesehen, gehört zu den Urträumen einer Gattung, die kein Fell mehr hat – er verrät, wie tief die Enthüllungsangst sitzt.

Das Nacktsein ist aber auch eine der tollsten Verheißungen, die es unter Angezogenen gibt: Der Nackte hat das Schlimmste schon hinter sich, er wagt, was die anderen sich nicht trauen, er ist der König der Aufmerksamkeit, vielleicht ist seine Blöße also das Kostüm eines Mutigen und Gerechten.

Michael Thalheimers Inszenierung von Kleists Zerbrochnem Krug am Hamburger Schauspielhaus gibt dem Zuschauer reichlich Zeit, das alles zu bedenken: Der Protagonist des Spiels, Dorfrichter Adam, ist von der ersten bis zur letzten Minute nackt.

Von links unten kriecht er auf die Bühne. Das Blut in seinen Adern scheint gefroren, er bewegt sich mühsam, im Tempo eines Faultiers. Eigentlich wirkt er wie ein Wesen, das gerade den Mutterleib verlassen hat. Seine Haut ist mit Körpersäften beschmiert. Nun erreicht er einen Ledersessel, auf den er benommen kriecht. Und dann beginnt er zu sprechen.

Wie alle Inszenierungen dieses Regisseurs hat auch sein Zerbrochner Krug etwas Schlicht-Monumentales, einen Drang, das Stück bis in unsere stammesgeschichtliche Frühzeit zurückzubinden. Der Dorfrichter Adam durchläuft bei Thalheimer den Zivilisationsprozess in wenigen Minuten: Eine Kreatur lernt das Kriechen, das Sitzen, dann das Sprechen – und schließlich das Beharren und Verwalten.

Adam hat ein Verbrechen aufzuklären, das er selbst beging. Im Unterschied zu Ödipus, so wird aus dem Stoff eine Komödie, weiß Adam von Beginn an, dass er der Täter ist, seine ganze Energie geht dahin, diese Schuld zu verhüllen. Um den linken Fuß des Hamburger Adams ist, für die Dauer der Aufführung, seine Hose geschlungen, in der er sich, beim vergeblichen Versuch, sie anzuziehen, verfangen hat; sie macht ihn zum Nachfahren des "Schwellfußes" Ödipus.

Wir alle kennen die Geschichte des Dorfrichters, der beim Versuch, dem Mädchen Eve in der Nacht unsittlich nahezukommen, einen Krug zerbricht und von Evchens Verlobtem verdroschen wird, allerdings ohne von diesem erkannt zu werden. Und so erzählt Thalheimer die Komödie als bekannte Geschichte: Adam ist nackt und bleibt es, der Schauspieler Carlo Ljubek spielt Adam als einen seit Jahrhunderten durchschauten, überführten, auserzählten, entblößten Mann. Am Ende wird er auffliegen. Nichts Neues, das alles.

Aber je länger das Spiel dauert, desto mehr Souveränität gewinnt dieser Adam. Je länger er sein bizarres, von sich selbst absehendes Verhör durchzieht, die Verwandlung der Unschuldigen in Verdächtige, desto mehr wirkt das Recht, ja jedes Wort, das gesprochen wird, wie eine Verhüllung, die nur dazu da ist, ihn, den Nackten, zu kleiden: Solange er spricht, wird er nicht auffliegen. Adam ist der Insasse und Lenker eines Wahnsystems, das er zu seinem eigenen Schutz eingerichtet hat.

Olaf Altmanns Bühne bestätigt diesen Befund: Recht ist dazu da, es dauerhaft denen zu sichern, die es schon haben. Der Raum ist durch eine senkrechte Achse in zwei Hälften geteilt: links leben die Rechtsuchenden, rechts die Rechtsprechenden. Die Linken kauern in einem engen, niederen, an einen Bergwerksstollen erinnernden Behördenkorridor, der deutlich tiefer liegt als der Gerichtssaal. Die Rechten – Richter, Schreiber, Revisor – hingegen residieren in einem weiten Raum mit hoher Decke. Wer Wahrheit sucht, hat in seinem Korridor zu verharren, er darf keinesfalls in den Gerichtssaal vordringen. Zwischen der linken und der rechten Welt existiert ein enger Durchschlupf, eine Art Fischtreppe, die nur der überwinden kann, der zum Hinaufkriechen (nach rechts) bereit ist.