Besorgt hält Edith Tudor-Hart vor dem Schaufenster eines Wiener Buchgeschäfts an. Ein Auto nähert sich, die Männer im Inneren sind nur schemenhaft zu erkennen, dann geht alles ganz schnell. Tudor-Hart springt in einen anderen Wagen, eine wilde Verfolgungsjagd auf der Leinwand beginnt.

Die Schwarz-Weiß-Szene ist kein Dokument aus den Filmarchiven. Edith Tudor-Hart, die 1908 in Wien geborene Fotografin und KGB-Spionin, tritt in dem Dokumentarfilm Auf Ediths Spuren immer wieder als animierte Figur auf, mit schwarzem, welligen Haar und ihrem markanten Muttermal auf der linken Backe. Die filmische Entdeckungsreise des Schriftstellers Peter Stephan Jungk in die Schattenwelt der Biografie seiner Großtante ist gerade in den österreichischen Kinos angelaufen. Mit den Animationssequenzen, die das Studio Neuer Österreichischer Trickfilm gestaltet hat, hievt Auf Ediths Spuren das Genre des Trickfilms, der ein erwachsenes Publikum ansprechen will, auf die große Leinwand.

Das ist eine neue Entwicklung. Lange galt diese Spielart animierter Laufbilder in Österreich als Nische für Kunstinteressierte, die mit diesem Stilmittel die Regeln des kommerziellen Spielfilms sprengen wollten. Jetzt etabliert eine jüngere Generation ein professionelles Business, das mit intelligentem Witz und politischem Anspruch bis nach Hollywood führt.

Benjamin Swiczinsky, rotes Karohemd, hellbraune Haare, wacher Blick, gehört zu dieser Generation. Der 34-jährige Wiener zeichnete mit seinen Kollegen Johannes Schiehsl und Conrad Tambour die Animationssequenzen zu Edith Tudor-Harts Leben. Vom 2011 gegründeten Studio Neuer Österreichischer Trickfilm im dritten Wiener Bezirk aus beliefert die Gruppe Produktionsfirmen von Europa bis nach Los Angeles. Für Tom Tykwers A Hologram for the King mit Tom Hanks in der Hauptrolle zeichnete Swiczinsky den Hollywoodschauspieler als singende, tanzende und schwimmende Figur. Der politischer Anspruch fehlt auch hier nicht. Wenn in einer animierten Sequenz fette Börsenhaie zu kleinen Fischen schrumpfen, erlaubt es die Trickfilmtechnik eben schärfer zu veranschaulichen, als es mit den Mitteln des konventionellen Spielfilms möglich wäre.

Für das breitere Kinopublikum war der österreichische Trickfilm früher nicht gedacht. Künstler wie Peter Kubelka überführten das Prinzip der Einzelbildtechnik Ende der fünfziger Jahre in ein experimentelles Eck. Kubelkas auf die filmische Essenz reduzierter Streifen Arnulf Rainer zeigt beispielsweise sechs Minuten lang, wie sich in strenger rhythmischer Komposition schwarze und weiße Kader sowie Rauschen und Stille ablösen.

In den siebziger Jahren verwandelte die Kärntner Malerin Maria Lassnig ihre Bilder im Kurzfilm Kantate zu erzählenden Sequenzen über ihr Leben. In den achtziger Jahren gab es dann einen neuen stilistischen Schub. Kunstreferenzen rückten in den Hintergrund, Geschichten über normale Menschen und ihren Alltag in den Vordergrund. Das Abstrakte, Schrille aber blieb. Eindrucksvoll zeigt der Kurzfilm Wieder Holung ein kafkaeskes, nicht enden wollendes Wechselspiel aus Angst, Albtraum und gruseliger Realitätsflucht. Ein mit Küchengabeln gespickter Körper, Menschen, die sich in Clownsfratzen verwandeln, und verstörende Weckertöne als schrille Begleiter des Alltags bekommen in dem Achtminüter der Trickfilmregisseurin Nana Swiczinsky Platz zur Irritation.

Nana Swiczinsky ist die ältere Schwester von Benjamin Swiczinsky. Die beiden Architekten-Kinder verdeutlichen den Traditionsbruch im österreichischen Trickfilm. Der hermetische Zugang der Trickfilm-Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts ist bei Nana Swiczinsky noch stark vorhanden. Ihr kleiner Bruder hingegen konzentriert sich auf Animationsfilme mit politischem Hintergrund, die auch das große Publikum erreichen sollen.

International sind anspruchsvolle Trickfilme für Erwachsene seit Produktionen wie Ari Folmans Waltz with Bashir oder Marjane Satrapis Persepolis auf dem Vormarsch. Auch Benjamin Swiczinsky haben diese Filme inspiriert. Sein Durchbruch gelang ihm 2011 mit Heldenkanzler , einer satirischen Auseinandersetzung mit Engelbert Dollfuß und dem Austrofaschismus. Swiczinsky karikiert Dollfuß als kleine, hilflose Witzfigur, die ohne die Anweisungen des italienischen Duce verloren gewesen wäre. Der international wie national vielfach ausgezeichnete Kurzfilm provoziert und stellt das österreichische Geschichtsbewusstsein auf die Probe.

Neben Swiczinskys Studio etablieren sich mit Produktionsfirmen wie LWZ, Arx Anima oder Salon Alpin immer mehr österreichischen Trickfilmer. "Wir sind alle freundschaftlich verbunden und konkurrieren nicht direkt miteinander", sagt Swiczinsky. Wenn er von unterschiedlichen Techniken und Zielgruppen spricht, wird schnell klar: Hier handelt es sich nicht um ein paar kunstversessene Amateure, sondern um professionelle Geschäftsleute mit Businessplan und Diplom. Swiczinsky besuchte einen Speziallehrgang für Animationsfilm der Filmakademie von Baden-Württemberg.

Kurzfilme kämen auf vierstellige Produktionsbudgets, Langfilme würden fünfstellige Summen verschlingen, sagt Swiczinsky. Ohne Filmförderung gehe nicht viel, in Österreich sei aber "die Chance auf Förderung eines Animationsfilms eher gering". Hier sei die Sparte als breitenwirksames Medium eben noch neu. Deswegen seien sie auf europäische Co-Produktionen angewiesen. Mit dem zweiten Standbein, der Werbung, finanziert sich das Studio zudem die Arbeit an den anspruchsvollen Trickfilmen mit.

Denn bei allem Aufschwung des österreichischen Animationsfilms bleibt das Business hart. Die Arbeit wird häufig in Billiglohnländer ausgelagert. Lange war China Ansprechpartner Nummer eins für europäische Produzenten, heute ist es Vietnam. "Bei solchen Produktionen wird überhaupt nicht miteinander gesprochen", sagt Swiczinsky. "Da wird ein Storyboard hingeschickt, und ein Jahr später kommt ein Dateipaket zurück."

Davon lassen sich die Zeichner nicht einschüchtern. Kunstreferenzen bleiben in den neuen österreichischen Trickfilmen zwar weitgehend außen vor, doch die Systemkritik, das Politische und Aufrüttelnde sind geblieben. Derzeit arbeitet Benjamin Swiczinsky mit seinen Kollegen am nächsten großen Ziel: dem ersten abendfüllenden Animationsfilm aus Österreich.