Die Todesfahrt vom Breitscheidplatz hat dem Land die Unbefangenheit genommen. Es fällt den Deutschen jetzt schwerer, sorglos über Weihnachtsmärkte und Volksfeste zu schlendern. Der Anschlag, er hat die vermeintliche Gewissheit erschüttert, dass die deutsche Terrorabwehr funktioniert. Dass dieses fein differenzierte Kapillarsystem des deutschen Föderalismus mit seinen 36 Polizeien und Geheimdiensten die beste aller Lösungen ist. Im Fall von Anis Amri hat dieses System, hat der Staat versagt.

Wie konnte es dazu kommen? Und wie lässt sich verhindern, dass sich ein solcher Fehler wiederholt?

Drei Monate lang hat ein Team von ZEIT- Journalisten den Anschlag und seine Vorgeschichte untersucht. Reporter sind nach Tunesien zu Amris Familie gereist, nach Italien, wo Amri zum ersten Mal europäischen Boden betrat, und nach Polen, zur Beerdigung des Lastwagenfahrers Łukasz Urban. Sie haben mehrere Tausend Seiten Ermittlungsakten, Observationsprotokolle und Geheimdienstvermerke ausgewertet, aus Deutschland und aus Marokko, wo die Behörden besonders besorgt waren wegen Amris Nähe zum IS. Zudem hat die ZEIT mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und dessen nordrhein-westfälischem Kollegen Ralf Jäger (SPD) gesprochen sowie mit Ermittlern von Landes- und Bundesbehörden; manche von ihnen hatten an den entscheidenden Sitzungen teilgenommen.

Die Recherchen zeichnen das Bild eines Sicherheitsapparates, der nach dem 11. September 2001 neu konstruiert wurde, dessen Architektur aber nur noch schlecht in die heutige Zeit passt.

Am Morgen des 18. Februar 2016, am Tag nach der Besprechung im GTAZ, wirft sich Anis Amri in Dortmund zwei Rucksäcke über die Schulter, in denen er seine Sachen verstaut hat, kauft eine Fahrkarte und setzt sich in einen Fernbus nach Berlin. Als der Bus Dortmund verlässt, bitten die nordrhein-westfälischen Polizisten, die Amri observieren, ihre Kollegen in der Hauptstadt, Amri unauffällig zu überwachen. Die Berliner entscheiden sich anders: Sie fangen Amri am Zentralen Omnibusbahnhof ab, nehmen ihn mit aufs Landeskriminalamt, fotografieren ihn, speichern seine Fingerabdrücke und konfiszieren sein Handy. Die Düsseldorfer Polizisten sind verärgert: Nun ist der Tunesier gewarnt.

Für Gefährder wie Amri, also Personen, denen die Behörden eine Gewalttat zutrauen, ist nicht das BKA zuständig, sondern das Landeskriminalamt des jeweiligen Bundeslandes, in dem der Gefährder wohnt. Zuständig für Amri ist also mal Nordrhein-Westfalen, mal Berlin, je nachdem, wo er sich aufhält.

Aus einer Akte des Landeskriminalamtes NRW Dokumente: DZ

Und Amri zieht häufig um. Von der Kleinstadt Emmerich am Rhein nach Dortmund und nach Oberhausen, nach Berlin und wieder zurück, von Moschee zu Bekannten zu Moschee. Immer wenn es so aussieht, als habe er das Bundesland gewechselt, bucht ihn das LKA in Nordrhein-Westfalen aus und das in Berlin ein, oder andersherum. Studiert man die Akten, wird man den Eindruck nicht los, dass jedes Mal ein Seufzer der Erleichterung in einer Amtsstube erklingt, wenn Amri wieder einmal fortgezogen ist.

Anfang März 2016 stoßen Ermittler bei der Auswertung von Amris Handydaten auf eine Unterhaltung, die er am 2. Februar mit zwei Islamisten über das Chatprogramm Telegram geführt hat. Die beiden Männer nutzten libysche Handynummern und befanden sich offenbar in der Nähe der libyschen Stadt Sirte. Er wolle eine Schwester ehelichen, meldet Amri. Als sein Gegenüber nicht sofort begreift, raunt er, es gehe um dugma, was in der Szene für "Auslöser" steht. Laut BKA wird der Begriff von Islamisten als Synonym für einen Selbstmordanschlag verwendet.

Nun hat sein Gegenüber verstanden. Amri solle das Wort nie wieder benutzen, rügt ihn der Mann in einer Audiobotschaft, die er verschickt. Sie vereinbaren eine Sprachregelung: Amri möge einer Kontaktperson in Deutschland ausrichten, "er wolle der Religion Gottes dienen, egal mit welchen Mitteln", der Mann werde ihn zu einem anderen Bruder bringen "und ihn dirigieren". Und Vorsicht am Telefon, warnt der Mann in Libyen noch, bloß nicht die Familie daheim anrufen, die tunesischen Behörden lägen auf der Lauer. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Gott werde sie im Paradies vereinen, das sind die letzten Worte des Kämpfers, dessen Nummer Amri unter einem Eintrag abgespeichert hat, der ahnen lässt, für wen der Mann schießt: "MalekISIS".

Als die Ermittler die Audiodateien auf Amris Handy hören, notieren sie: Amri kündige "verklausuliert an, dass er in Deutschland sei, um ein Selbstmordattentat auszuüben".

Spätestens jetzt, im März 2016, hätte allen Beteiligten klar sein können, dass der V-Mann keinen Unsinn erzählt hat, dass die Bewertung der nordrhein-westfälischen Polizisten stimmt, nicht die des BKA. Dass Amri nicht nur ein Anhänger des IS ist, sondern auch gut vernetzt. Und zu allem entschlossen.

Die beiden Männer in Libyen, mit denen Amri chattete, waren Tunesier, vielleicht kannte Amri sie aus seiner Heimat. In Emmerich hat er im Flüchtlingsheim Fotos von schwarz gekleideten Kämpfern herumgezeigt. Das seien Verwandte, behauptete er damals, Cousins, Onkel, angeblich alle beim IS.

Aus was für einer Familie stammt er? Begann seine Radikalisierung erst in Italien und Deutschland – oder schon in Tunesien?

Als Krimineller in Tunesien und Italien

"Zu Hause bei uns war Anis vor allem ein verwöhntes Mama-Söhnchen", sagt Walid Amri, 30, einer von Anis’ älteren Brüdern, sechs Jahre trennen die beiden, sie waren vier Söhne und fünf Töchter. Anis habe im Rahmen bescheidener Verhältnisse alles bekommen, was er nur wollte, sagt Walid. Er sitzt in einem Café am Rande eines Ackers mit weidenden Schafen, etwa eine Autostunde südlich der Hauptstadt Tunis, der Kellner serviert grünen Tee mit Minzsirup.

In den Tagen nach dem Anschlag stand die Familie auf einmal als Terrorclan im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Walid Amri sagt, er wolle nicht als der "Bruder des Terroristen" in die Geschichte eingehen, das sei ihm wichtig. Er ist ein höflicher Mann, der ein stilles Leben führt und sein Geld damit verdient, Viehfutter zu transportieren.

Die Brüder, sagt Walid, hätten Anis regelmäßig Scheine zugesteckt, die Mutter habe darum gebeten. Anis habe sich mit falschen Freunden umgeben, habe Hasch geraucht, er stahl ein Auto, die Polizei erwischte ihn. "Er war ein Kleinkrimineller", sagt Walid. Einer, den in der Heimat das Gefängnis erwartete.