Im Jahr 2011, Anis Amri war gerade volljährig geworden, nutzte er die Wirren der tunesischen Revolution, um sich der Justiz zu entziehen. Er kratzte Geld für die Schlepper zusammen, die ihn auf die italienische Insel Lampedusa brachten. Von einem Münztelefon eines italienischen Auffanglagers rief er bei der Familie an. Wenig später verurteilte ihn ein Gericht in Tunis in Abwesenheit zu vier Jahren Haft.

Glaubt man die Geschichte des Bruders, dann war Anis Amri ein junger Mann auf Abwegen, verwöhnt und planlos – aber kein angehender Terrorist. Erst in Europa ist demnach der harte Stoff hinzugekommen: Koks, Amphetamine, Hass.

Anis Amri sei klar gewesen, dass er in Europa nie als Flüchtling anerkannt werden würde, sagt sein Bruder. "Sein Plan war: möglichst viel Geld sammeln und dann zurück nach Tunesien", sagt Walid. Die Familie habe sogar einen Anwalt eingeschaltet, damit Anis Amri ein Teil der Haftstrafe erlassen werde – für einen neuen Anfang in der alten Heimat.

Womöglich aber begann Anis Amris Radikalisierung doch schon in Tunesien, auch wenn sein Bruder und die Eltern das nicht hören wollen. Darauf deutet Amris enge Beziehung zu seinem Neffen Fadi hin, der inzwischen im Hochsicherheitsgefängnis von Tunis sitzt, unter dem Verdacht, von dem Anschlag in Berlin gewusst zu haben. Bis kurz vor der Amokfahrt am Breitscheidplatz sollen die beiden Nachrichten ausgetauscht haben. Gestützt wird diese These durch den marokkanischen Geheimdienst. Demnach habe Amri bereits in Tunesien versucht, sich dem IS anzuschließen, er sei von den tunesischen Behörden deswegen sogar gesucht worden.

Am 4. April 2011 landet Anis Amri auf Lampedusa. Einen Tag später wird er bei der Polizei registriert. Auf dem Foto sieht man einen lächelnden jungen Mann, der optimistisch in die Kamera blickt, bereit für ein neues Leben. Es beginnt mit einer Lüge.

Amri hat gehört, dass minderjährige Flüchtlinge leichter eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Er gibt bei der Polizei ein falsches Geburtsdatum an, demnach ist er erst 16 Jahre alt. Von Lampedusa aus geht es weiter nach Sizilien, mit sechs anderen Tunesiern wird er in einem katholischen Wohnheim für Jugendliche einquartiert. Es liegt in Belpasso, einem Ort am Fuße des Vulkans Ätna. Amri gehört zu den ersten Migranten, die hier untergebracht werden.

Die Regeln im Wohnheim sind streng. Die Tunesier müssen um acht Uhr morgens aufstehen, um acht Uhr abends zu Hause sein, um halb elf ist Bettruhe. Amri habe wenig geredet, sagt der damalige Leiter der Einrichtung. Tagsüber habe Amri bei einem Reifenservice im Ort ausgeholfen, abends auf der Playstation gespielt, manchmal gebetet.

An den Wochenenden aber rauchen und trinken Amri und die anderen, obwohl Alkohol und Zigaretten im Wohnheim verboten sind. Sie provozieren ihre Gastgeber, hängen die Kreuze von den Wänden ab. Einmal installiert Amri eine schwarze Flagge mit arabischen Schriftzeichen als Bildschirmhintergrund auf einem der Computer des Wohnheims, es ist das Symbol der Kämpfer des "Islamischen Staates".

Nach einem halben Jahr, am 23. Oktober 2011, rastet Amri aus. Wieder mal ist er betrunken. Gemeinsam mit anderen Tunesiern schlägt er nach einem Streit einen Sozialarbeiter zusammen und zündet Betten in der Unterkunft an. Ein Gericht verurteilt ihn zu vier Jahren Haft.

Pierelisa Rizzo lernt Anis Amri 2013 in der Kleinstadt Enna kennen, im Gefängnis probt sie als freiwillige Helferin mit den Häftlingen ein Musical: Rinaldo in Campo, eine Liebesgeschichte. Amri trommelt auf Bongos. Vier Monate hätten sie geübt, sagt Rizzo, manche der Gefangenen hätten von ihrer Heimat erzählt. Amri sei verschlossen geblieben.

Die Haft verbringt er in sechs verschiedenen Gefängnissen. Immer wieder greift er Mitgefangene und Wärter an und wird verlegt. Amri ist nicht nur der stille Einzelgänger, als den ihn viele Gesprächspartner beschreiben. Er ist auch ein Schläger. Allein in den drei Wochen Untersuchungshaft im Herbst 2011 ist er in vier Prügeleien verwickelt.

Amri sei in Haft vollkommen aufgelöst gewesen, sagt seine damalige Anwältin. Er habe gewusst, dass er durch seine Verhaftung jede Chance auf eine Aufenthaltsgenehmigung verspielt hatte. Die Schuld habe er aber nicht bei sich selbst gesucht, sagt die Anwältin: "Schuld waren immer die anderen."

Nach seiner Entlassung am 18. Mai 2015 wird Amri in ein Abschiebezentrum in der sizilianischen Stadt Caltanissetta geschickt. Der italienische Staat bittet Tunesien, Amri zu identifizieren und wieder aufzunehmen. Doch die tunesischen Behörden reagieren nicht – genau wie später auch bei Anfragen aus Deutschland. Nach 30 Tagen, das ist die Rechtslage, müssen die Italiener Amri aus der Abschiebehaft entlassen, wenn keine gültigen Papiere vorliegen.

Am 17. Juni 2015 ist Anis Amri ein freier Mann. Und macht sich in einer Gruppe von Tunesiern auf den Weg nach Deutschland.

Es gibt eine europäische Datenbank für Asylbewerber namens Eurodac, in der Fingerabdrücke gespeichert werden, aber keine Fotos und biografischen Informationen. Es gibt das Schengen-Informationssystem, in dem Daten zu Personen gespeichert werden, aber keine Fingerabdrücke. Und es gibt Staaten wie Italien, die Amris Fingerabdrücke nicht in die Datenbank einspeisen und Problemfälle wie ihn möglichst schnell loswerden wollen, egal wohin, Hauptsache, er ist weg.

Als Tellerwäscher in Deutschland

So kommt es, dass Anis Amri im Sommer 2015 als scheinbar unbescholtener Flüchtling in Freiburg registriert und dann nach Berlin geschickt wird, von wo es weitergeht nach Dortmund und schließlich nach Emmerich. Dort bezieht Amri ein Bett in einer Gemeinschaftsunterkunft. Anders als die meisten Flüchtlinge findet er schnell einen Job: In einem Restaurant mit Rheinblick fängt er als Tellerwäscher an. Ein anderer Flüchtling, der ihn damals erlebt, beschreibt ihn als jungen Mann mit einer hervorstechenden Eigenschaft: "Anis war immer wütend."

Wütend auf die Welt, auf sein Leben, auf dieses Land, das ihn von einer Stadt in die nächste schickt. Wieder ist alles die Schuld der anderen.

Ein Indiz dafür, dass Amris Gedanken bereits damals angefüllt sind mit Hass, ist sein schnelles Eintauchen in die salafistische Szene in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Mindestens 15 Moscheen besucht er regelmäßig, die meisten davon in Dortmund. Das LKA wird später notieren, er sei in einigen Gebetshäusern sogar als Vorbeter aufgetreten – was die Moscheebetreiber bestreiten. "Alle Europäer sind gottlos", zürnt er gegenüber einem Bekannten. Wenig später wird er erwischt, wie er seinen Mitbewohnern zwei Samsung-Galaxy-Handys stiehlt.