Rückblickend betrachtet wirkt es, als habe Amri eine imaginäre Landkarte der deutschen Islamistenszene vor Augen gehabt, die er zielgerichtet abreiste. Gäbe es diese Landkarte, wäre Hildesheim darauf dick markiert, genauer: eine Moschee in der Martin-Luther-Straße. In dieser Moschee predigt ein Mann, den die Sicherheitsbehörden für den Chefideologen des IS in Deutschland halten: ein Iraker namens Abu Walaa, der ein großes Netzwerk kommandiert und später festgenommen wird.

Amri arbeitet in Hildesheim bei einem Pizza-Bringdienst als Fahrer, rund 30 Stunden im Monat. Dem Betreiber des Imbisses stellt er sich als Austauschstudent aus Ägypten vor, der sich ein bisschen Geld hinzuverdienen wolle. Der Neue sei kein besonders netter Kerl gewesen, erinnert sich der Pizzabäcker, nach ein paar Wochen sei er einfach nicht mehr zur Arbeit erschienen.

In Abu Walaas Umfeld hat die Polizei einen Spitzel platziert, der erstmals am 19. November 2015 von Amri berichtet: Es gebe da einen Mann namens Anis, der "hier etwas machen" wolle.

Der Spitzel ist ein etwas fülliger Mann Ende 30 mit dichtem schwarzem Haar. Schon seit 2004 ist er als V-Mann im Einsatz, zunächst mehrere Jahre im Mafia- und Drogenmilieu. Seit 2011 gilt er beim LKA als zuverlässigster Zuträger aus der salafistischen Szene. Regelmäßig ist er zu Gast bei Abu Walaa und dessen Stellvertreter Boban S., einem studierten Chemie-Ingenieur, den sie in der Szene "den Serben" nennen. "Sie wollen auch hier einen 'Islamischen Staat' haben", berichtet der Spitzel den Beamten, neben der Unterstützung des "Kalifats" sei das Einführen der Scharia in Deutschland "auch mit Mitteln der Gewalt ihr großes Ziel".

Der V-Mann nimmt Amri manchmal im Auto mit. Amri habe damit geprahlt, er könne "problemlos eine Kalaschnikow in Napoli besorgen", sagt der V-Mann, der sich heute im Zeugenschutzprogramm befindet. Wiederholt habe Amri davon gesprochen, "Anschläge zu begehen". Offenbar wird er mehrfach zu persönlichen Audienzen bei Abu Walaa geladen, wohl um sich Tipps zu holen "für eine Ausreise in den 'Islamischen Staat' ". Das LKA erwirkt beim Generalbundesanwalt die Erlaubnis, Amri zu überwachen. Er ist jetzt voll im Visier des Staates.

Kurz vor Weihnachten 2015 veranstaltet "der Serbe", Abu Walaas Stellvertreter, für seine Schüler einen Gewaltmarsch. Auch Amri ist dabei. 16 Kilometer weit läuft die Gruppe mit schwerem Gepäck auf dem Rücken, "zur Vorbereitung auf die Ausreise in den 'Islamischen Staat'", wie der Informant erzählt. Amri marschiert durch Deutschland, als wäre er ein Bundeswehrsoldat. Doch er leistet eine andere Art des Wehrdienstes: Sein Krieg ist der Dschihad.

Einer, der Amri aus dieser Zeit kennt, beschreibt ihn als sehr gläubigen Muslim, der "an den Lippen des 'Serben' hing". Aber Amri habe "so seine Ticks" gehabt, er sei aufbrausend, manchmal "richtig aggressiv" gewesen, wenn ihm etwas nicht gepasst habe. "Er hat sich dann immer wieder selbst kräftig auf den Oberschenkel geschlagen und rumgeschrien."

Amri wechselt damals zwischen Hildesheim und dem Ruhrgebiet hin und her. In Dortmund hat der "Serbe" im ersten Stock eines graublauen Gründerzeithauses einen Gebetsraum eingerichtet. Amri verbringt hier viel Zeit. Mitunter schläft er in dem Haus und verlässt es 36 Stunden am Stück nicht. Er hat sogar einen eigenen Schlüssel.

Es sind diese Monate Ende 2015 und Anfang 2016, in denen sich Anis Amri mit Ideologie vollsaugt. Mehrfaches Gebet am Tag, intensives Koranstudium, tagsüber verkauft er auf einem Trödelmarkt Parfum; es ist halal, nach muslimischen Maßstäben rein. Vieles spricht dafür, dass sein Entschluss, einen Anschlag zu begehen, in dieser Zeit reift. Europa ist jetzt Feindesland.

Drei Wege, um Amri loszuwerden

Es hätte, juristisch betrachtet, drei Wege gegeben, Anis Amri zu stoppen. Man hätte ihn, erstens, als potenziellen Terroristen verhaften können, aber die Bundesanwaltschaft, die die Ermittlungen leitete, tat es nicht, weil sie dafür nicht genug Beweise sah. Man hätte ihn, zweitens, wegen all der Straftaten festnehmen können, die er in den rund eineinhalb Jahren in Deutschland beging: Körperverletzung, Angabe falscher Identitäten, Drogenhandel, Erschleichung von Sozialleistungen.

Und drittens hätte man ihn abschieben können.

In Artikel 58a des Aufenthaltsgesetzes ist festgeschrieben, dass ein Land "auf Grund einer auf Tatsachen gestützten Prognose zur Abwehr einer besonderen Gefahr für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder einer terroristischen Gefahr ohne vorhergehende Ausweisung eine Abschiebungsanordnung erlassen" kann. Der Artikel klingt wie gemacht für Anis Amri.

Im März 2016 schickt das LKA Nordrhein-Westfalen einen Vermerk an das Landesinnenministerium. Nach Ansicht der Ermittler ist "die Begehung eines terroristischen Anschlags durch Amri zu erwarten". Eine Abschiebung halten die Beamten für "verhältnismäßig". Dem zuständigen Abteilungsleiter im Ministerium aber erscheinen die Erfolgsaussichten als zu vage, die Gerichte stellen hohe Anforderungen, bevor sie eine Abschiebung tatsächlich genehmigen.