Laut den GPS-Daten des Wagens fährt Amri den Laster durch den Tiergartentunnel, unter dem Regierungsviertel hindurch, am Potsdamer Platz entlang, vorbei an der Neuen Nationalgalerie. Er fährt nicht schneller als 50 km/h, die meiste Zeit langsamer. Dann erreicht er den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Er fährt daran vorbei, die Hardenbergstraße entlang, um den Kreisverkehr am Ernst-Reuter-Platz und dann wieder zurück. Um kurz nach 20 Uhr hält er an einer roten Ampel. Als die Ampel auf Grün springt, fährt Amri an. Es ist 20.02 Uhr. Mit rund 15 km/h schiebt sich der Lkw auf den Weihnachtsmarkt. 15 km/h sind nicht besonders schnell, doch an diesem Abend auf dem überfüllten Markt genug, um Menschen zu überrollen und Buden niederzureißen. Die Opfer haben keine Chance.

Amri schafft es nicht, den Wagen stärker zu beschleunigen. Laut einem Ermittler wickelt sich die Lichterkette eines Weihnachtsbaums um die Achse und blockiert das Rad. Der Lkw wird langsamer, zieht nach links durch das Spalier der Buden und kommt auf der Budapester Straße zum Stehen. Amri springt aus dem Führerhaus und rennt zur U-Bahn-Station. Vor einer Überwachungskamera zeigt er einen Islamistengruß, den erhobenen Zeigefinger. Es ist die letzte Spur von Anis Amri in Berlin. Vier Tage später wird er in Italien auf der Flucht erschossen.

An diesem Abend werden 56 Menschen verletzt, einige liegen noch immer im Krankenhaus. Zwölf sterben, unter ihnen: Łukasz Urban, der polnische Lkw-Fahrer, Fabrizia Di L., eine junge Italienerin, die in Berlin lebte, Peter V., Dalia E., das Ehepaar Anna und Gregoriy B., Dorit K. Sechs der Opfer stammen aus Berlin, sechs sind Besucher aus aller Welt.

Die Todesfahrt von Anis Amri

© Karte: Google Earth Pro; ZEIT Grafik/Quelle: eigene Recherche

Die Folgen des Anschlags

Am Abend des Attentats hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière seine engsten Mitarbeiter zu einer Weihnachtsfeier in einem Restaurant im Nikolaiviertel geladen, als ihn das Lagezentrum des eigenen Ministeriums anruft. De Maizière verlässt das Lokal, telefoniert mit der Kanzlerin, er ist jetzt Minister für den Ausnahmezustand.

Wo sieht er die Fehler? Drei Monate später sitzt de Maizière in seinem Büro im sechsten Stock des Ministeriums und versucht, die Frage zu beantworten. "Tja", sagt er. Seine Sätze beginnen sonst nie mit "Tja". Dann, nach einer Pause, findet er einen Vergleich. Er erzählt von einem Sexualstraftäter, den ein Gutachter für ungefährlich hielt und der deshalb aus dem Gefängnis entlassen wurde. Eine Woche später ermordete der Mann ein Kind. In Amris Fall sei es ähnlich gewesen, sagt de Maizière. Auch hier hätten die Behörden die Gefährlichkeit Amris beurteilt – und "gemeinsam eine sehr bittere Fehleinschätzung getroffen".

Ein paar Wochen nach der Todesfahrt hat de Maizière Veränderungen angeregt. Er will die Verfassungsschutzbehörden der Länder ins Bundesamt integrieren, das BKA soll "ein Initiativrecht gegenüber anderen Behörden" erhalten, etwa bei Abschiebungen. "Wir brauchen in Fällen wie Amri dringend mehr Verbindlichkeit und Einheitlichkeit im Verhalten der Behörden von Bund und Ländern", sagt er der ZEIT. De Maizières Vorschläge zielen darauf, den Föderalismus in der Sicherheitspolitik zu stutzen, um das Vorgehen zu vereinheitlichen.

In Düsseldorf setzt sich der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) in einem großzügigen Eckbüro des Ministeriums vorne auf die Kante eines schwarzen Ledersessels und sagt sichtlich genervt: "Da passiert so ein verheerender Anschlag, und kurz danach wird der Föderalismus infrage gestellt!" Bei so einem radikalen Umbau wären die Landesbehörden über Jahre nur noch mit sich selbst beschäftigt, glaubt Jäger. "Wir haben die Kompetenzen in der Fläche, wir kennen uns aus. Wofür sollte es gut sein, die Zuständigkeit an den Bund abzugeben?"

De Maizière ist für seine Vorschläge viel kritisiert worden – nicht von der Opposition, nicht von Bürgerrechtsgruppen. Sondern von den Kollegen. Von Jäger. Von Joachim Herrmann, dem bayerischen CSU-Innenminister, der die Ideen "geradezu abwegig" nannte. Wenn es um Kompetenzen geht, kennen Deutschlands Innenminister keine Parteien, sondern nur eigene Machtinteressen.

Die große Koalition hat sich zumindest darauf geeinigt, einen neuen Straftatbestand einzuführen. Bei ausländischen Gefährdern wird künftig die Abschiebung möglich sein, wenn sie eine "Gefahr für die innere Sicherheit Deutschlands" darstellen; sie sollen auch dann in Abschiebehaft bleiben können, wenn es nicht möglich ist, ihnen Papiere zu beschaffen.

Aber das eigentliche Problem, wie bei Gefährdern die zersplitterten Zuständigkeiten in einem großen, ganzheitlichen Ansatz zusammengeführt werden können, ist nicht gelöst. Das GTAZ war eine Erfindung, die auf die Situation nach dem 11. September 2001 passte, als die Zahl der Terrorverdächtigen in die Dutzenden ging, nicht in die Hunderten. Es ist nicht auf Massenabfertigung ausgelegt.

An einem bitterkalten Wintertag zieht eine Menschenmenge durch das polnische Dorf Banie zum Friedhof. Zu Grabe getragen wird Łukasz Urban, der Lkw-Fahrer.

Die Bundesregierung hat ihren stellvertretenden Botschafter geschickt, aber plötzlich taucht eine zweite deutsche Delegation mit einem Kranz und einer Schärpe aus einer polnischen und einer deutschen Fahne auf. Einer der Männer trägt eine AfD-Nadel am Revers. Es ist Andreas Wild, Politiker der AfD und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Weder er noch seine Begleiter kannten Urban, sie kennen auch seine Angehörigen nicht, aber sie sagen, sie wollten "den Polen beistehen", die ja nichts dafürkönnten, dass die Deutschen Merkel gewählt haben. Auf dem Kranz der AfD steht: "Für unseren Helden".

Es ist der Versuch, aus dem Anschlag politischen Nutzen zu ziehen.

Zur selben Zeit rufen Anhänger des IS zu weiteren Anschlägen auf. "Beschränkt euch nicht auf Weihnachtsmärkte. Es gibt sehr viele einfache Ziele. Jede Versammlung der Kuffar ist ein Ziel! So steig ein und überfahre sie, oh Löwe!"

Irgendwo da draußen sitzt der nächste Anis Amri und denkt über einen Anschlag nach, gerade jetzt, und Deutschland kann nur hoffen, dass die Männer und Frauen im GTAZ, Raum A242, diesmal die richtige Einschätzung treffen.

Mitarbeit: Sebastian Mondial