Der Anschlag von St. Petersburg zielte auf die Menschen in der Metro und nebenbei auf den russischen Präsidenten, der gerade im Konstantinspalast der alten Zarenstadt Hof hielt. Die Angreifer zeigten, dass sie zuschlagen konnten, wo sie wollten, auch in der Nähe des Sicherheitskordons, der Wladimir Putin schützte. Mindestens 14 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt.

In der frühen Putin-Zeit, den Jahren nach 1999, kamen solche Attentate häufig vor. Das hatte mit dem Krieg in Tschetschenien zu tun, wo Russlands Streitkräfte gegen Separatisten kämpften. Dieser Krieg ist lange vorbei. Seit dem letzten Anschlag in Wolgograd im Jahr 2013 schien Russland sicherer geworden zu sein, während Europa eine furchtbare Serie von Attentaten erleben musste.

Die Ruhe im eigenen Land beflügelte russische Politiker und Journalisten, über die Terrorursachen in Europa zu spekulieren. Die meisten stimmten darin überein, dass nur die Flüchtlinge daran schuld sein konnten. Europa habe ein Problem, das es in Russland nicht gebe. Moskaus Streitkräfte bombardieren syrische Städte, doch hat es seit 2011 gerade mal einem (!) Flüchtling aus Syrien unbeschränktes Asyl gewährt. "Europa erstickt an der Flut der Flüchtlinge", stellte der Duma-Abgeordnete Alexei Puschkow fest. Nach dem Terroranschlag in Berlin vom Dezember ätzte Dmitri Kisseljow, Generaldirektor der zentralen staatlichen Nachrichtenagentur: "Das Dogma Merkels und der deutschen Presse ist, die Verbrechen der Migranten zu verschweigen. Dieser Kurs schwächt die Polizei, und die Geheimdienste sind so hilflos, dass sie mit dem Terror nicht mal im eigenen Lande kämpfen können." Die Anschläge kämen mit den Flüchtlingen, diese Meinung war in Russland mehrheitsfähig.

Doch das Selbstmordattentat von St. Petersburg passt so gar nicht in dieses Bild. Als Attentäter wurde ein Mann namens Akbarschon Dschalilow identifiziert. Er war kein Flüchtling aus dem Nahen Osten, sondern russischer Staatsbürger. Geboren wurde er 1995 in der kirgisischen Stadt Osch. Sein Geburtsort nahe dem Fergana-Tal in Zentralasien liegt in einer Gegend, die seit den 1990er Jahren von radikalen Islamisten unsicher gemacht wird. Mit diesen könnte er sich ausgetauscht haben.

Kirgisistan und die Nachbarstaaten Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan bekämpfen die Extremisten mit Methoden, die das Problem oft verstärken. Moscheen werden streng kontrolliert, Gläubige ohne erkennbaren Grund verhaftet, gemäßigte islamische Parteien sind verboten, die Verhüllung aus Glaubensgründen ebenso. Die Härte hat viele radikalisiert. In den Städten gibt es wenig Arbeit. Junge Leute suchen bei Predigern Halt, die aus Pakistan oder von Ländern am arabischen Golf finanziert werden.

Terroristen aus Zentralasien verübten in der Neujahrsnacht 2016 das Attentat im Istanbuler Club Reina, sie organisierten eine Anschlagsserie in Kasachstan. Auch zwei der Attentäter auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen Anfang 2016 stammten aus Zentralasien. Kämpfer aus dieser Region verstärken in Afghanistan die Bürgerkriegsbrigaden. Sie helfen den IS-Dschihadisten in Syrien und Irak.

Russische Politiker wähnten ihr Land in Sicherheit, weil sie kaum Flüchtlinge aufnehmen. Dabei ist Russland ähnlich bunt wie viele europäische Länder. Dschalilow gehörte zu einer von vielen russischen Familien, die von Zentralasien nach Russland gegangen sind. Ethnische Usbeken, Kirgisen und Tadschiken arbeiten und leben in Russland. Megametropolen sind das Terrain, in dem Terroristen untertauchen können. St. Petersburg ist genauso verwundbar wie Paris, Moskau so verwundbar wie Berlin. Die russischen Jahre ohne größere Anschläge seit 2013 waren eine Scheinruhe.