"Neuer Trend: Trauerkritik", so ist eine Karikatur der Comic-Künstler Hauck & Bauer überschrieben. Eine trauernde Witwe steht am Grab, hinter ihr erhebt ein empörtes Männchen den Zeigefinger und ruft: "In Afrika sterben jeden Tag Tausende Menschen, und Sie trauern um EINEN Mann!" Die Zeichnung bringt das Dilemma auf den Punkt, das dem Wunsch nach öffentlicher Trauer seit dem Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo im Januar 2015 anhaftet. Bei Facebook und Twitter, in Kneipengesprächen oder Zeitungskommentaren folgt auf einen furchtbaren Terrorakt in der westlichen Welt ein Reigen aus Solidaritätsbekundungen, auf den wiederum ein Reigen aus Kritik an den Bekundungen folgt. Warum nur für Paris, Brüssel, Berlin trauern? Warum nicht um die Terroropfer im nigerianischen Baga oder die Kriegstoten im syrischen Chan Scheichun?

Eine neue Runde begann nun nach dem Anschlag auf die St. Petersburger U-Bahn, bei dem am vergangenen Montag 14 Menschen starben. Stein des Anstoßes war das Brandenburger Tor. Genauer gesagt: dass eben seine Steine unbeleuchtet blieben. Unter anderem nach den Anschlägen von Paris, Istanbul und London wurde das Tor in den jeweiligen Landesfarben angestrahlt. Jetzt aber leuchtet es nicht solidarisch im russischen Weiß-Blau-Rot. Warum nicht? Ist uns Europäern selbst das so europäische St. Petersburg zu weit weg, hinten Richtung Asien? Kennen zu wenig deutsche Pauschaltouristen die russische Metropole aus eigener Anschauung?

Die deutsche Bürokratie weiß auf solche emotionalen Fragen nur eine Antwort: den Leitfaden. Wenige Tage vor dem St. Petersburger Anschlag berichtete der RBB, die Berliner Senatskanzlei habe einen "Leitfaden für Sonderbeleuchtung" ausgearbeitet. Der soll festlegen, wann die Trauerlichter am Brandenburger Tor angehen. Grundsätzlich nur bei Terroranschlägen, die eine Partnerstadt Berlins treffen, wie Paris und Istanbul. Als für die Toten in Jerusalem und Orlando, beides keine Partnerstädte, die israelische Flagge und die Regenbogenflagge projiziert wurden, seien das Ausnahmen gewesen. Es handele sich um "Orte, zu denen Berlin eine besondere Beziehung hat", wie die Senatskanzlei mitteilte. Das gelte zum Beispiel für Orlando "als Regenbogenstadt". Am Ende sprengt Trauer eben doch alle Sonderbeleuchtungsleitfäden. Der Regierende Bürgermeister muss über jeden Fall einzeln entscheiden.

Trauerkritik ist ein Spiel, das keiner gewinnt. Das Dilemma bleibt. Es gibt nur schlechte Lösungen. Wer für jedes Unglück der Welt ein Tor anstrahlt, der vernutzt die knappe Aufmerksamkeit, die wir für öffentliches Trauern angespart haben, und weiß nicht mehr zu unterscheiden. Aber wer für Paris strahlt und für St. Petersburg nicht, der stellt das Leid der russischen Opfer in eine Reihe mit anderen Anlässen, für die laut RBB die Staatskanzlei ebenfalls Beleuchtungsanfragen ablehnte: "nicht nach Unglücken, nicht als Hinweis auf Jahrestage, seltene Krankheiten oder wenn jemand zu Geburtstagen gratulieren möchte".

Wie für alle Dilemmata gilt auch für die öffentliche Trauer: Wo es keine perfekte Lösung gibt, ist Nichtstun keinesfalls die Antwort. Gar nicht zu trauern wäre die schlechteste unter allen schlechten Lösungen. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) schrieb auf Twitter: "Angesichts der vielen Toten weltweit durch Terror sollten wir jede Opferhierarchie vermeiden und wohl zukünftig auf Beleuchtung verzichten." Im besten Fall ist Lederers Tweet zu verstehen als Forderung nach einer stoischen Haltung wider den Terror, Seneca folgend: "Was braucht man einzelne Teile zu beweinen? Das ganze Leben ist beweinenswert. Neue Widerwärtigkeiten werden dich quälen, ehe du den alten Genüge getan." Aber kann das unsere Antwort sein? Wenn nicht jeder einen gleich großen Platz in unseren Gedanken und Gebeten haben kann, dann soll eben niemand darin vorkommen? Nicht stoisch erscheint einem das, sondern kleinherzig. In einer Welt, die nicht gerecht ist, jedem noch die kleinste Gerechtigkeit zu verwehren, um wenigstens Gleichheit herzustellen; um jeden Preis Hierarchie vermeiden, erst recht die "Opferhierarchie" (ein schlimmes Wort aus dem iPhone eines Kultursenators) – diese Antwort wirkt uneuropäisch. Auch unrussisch. Fast möchte man sagen: unmenschlich.

Russland - Tote bei Explosion in St. Petersburg Bei einer Explosion in der St. Petersburger Metro sind mindestens zehn Menschen getötet und 50 weitere verletzt worden. Russischen Medien zufolge sei der Sprengsatz im Wagen platziert worden. © Foto: Anton Vaganov/Reuters