Für ein Schuljahr nach Amerika – mit Donald Trump als Präsident! Vier Austauschschüler über hitzige Debatten im Unterricht, Streit mit den Gasteltern und die Angst um ihre mexikanischen Freunde.

"Da ist so viel Hass, wo man gar nicht hassen müsste"

Ich bin seit acht Monaten in Indiana, einem zutiefst republikanischen Bundesstaat. Meine Gastfamilie ist weiß, christlich und republikanisch. Ich habe zwei Gastgeschwister, ein Mädchen in meinem Alter und einen Jungen, der ist 14. Die beiden stimmen in vielem nicht mit den Haltungen ihrer Eltern überein und streiten sich oft mit ihnen. Die Gasteltern waren absolute Trump-Unterstützer. Für mich war das interessant, weil ich an meiner Schule auch das komplett andere Bild mitbekommen habe. Ich würde sagen, 40 Prozent der Schüler bei uns sind Afroamerikaner, sie sind eigentlich alle gegen Trump. Als er die Wahl gewonnen hatte, haben viele geweint oder sind für ein paar Tage gar nicht zum Unterricht gekommen. Einer meiner Lehrer hat Schwarz getragen, wie bei einer Trauerfeier. Meine Gastfamilie hat sich gefreut über das Wahlergebnis. Die haben die ganze Zeit ja nur Fox geschaut. Hillary Clinton haben sie gehasst. Mitten in einem Fernsehduell hat meine Gastmutter den Fernseher ausgeschaltet und gesagt, sie will diesen Lügen nicht mehr länger zusehen.

Mit meiner Gastmutter hatte ich mal einen großen Streit, da hat sie richtig rumgeschrien. Ich wollte einfach wissen, warum sie, obwohl sie doch gläubige Christen sind, keine Flüchtlinge aufnehmen würden. Ich habe ihr erzählt, dass ich in Deutschland über meine Kirche Kontakt zu Flüchtlingen hatte und gut mit ihnen ausgekommen bin. Sie haben gefragt, ob ich da nicht Angst gehabt hätte.

Das Weltbild hier ist wirklich extrem konservativ. In der Kirche wird sonntags noch von der Rolle der Frau als Helferin des Mannes gepredigt. Meine Gastmutter verbietet mir, zu Target zu gehen, einer Supermarktkette, in der man tolerant mit dem Thema Transgender umgeht: Wenn sich zum Beispiel eine Frau wie ein Mann fühlt, darf sie die Herrentoilette benutzen. Meine Gasteltern finden das absonderlich. Was mich so schockiert: dass da so viel Hass ist, wo man gar nicht hassen müsste. Meine Gastmutter war Anwältin, ist also eigentlich eine sehr eigenständige Frau. Aber wenn man sie mit all den frauenfeindlichen Kommentaren von Trump konfrontiert, findet sie dafür immer irgendwelche Ausreden. Als ich im Wahlkampf bei der Kampagne eines demokratischen Landtagsabgeordneten hier in Indiana geholfen habe, sagte meine Gastmutter nur: "Denk dran, dass du in einem republikanischen Haushalt lebst."

Das Ding ist ja: Meine Gasteltern geben mir ein Zuhause und Essen, dafür muss ich dankbar sein, was ich auch bin. Und ich komme ansonsten auch gut klar mit ihnen. Deswegen habe ich für mich beschlossen, dass ich das Thema Politik zu Hause einfach nicht mehr anschneide. Wenn sie von sich aus fragen, sage ich: "Wir haben zu verschiedene Meinungen, um das zu diskutieren." Wenn ich über Politik reden will, dann mit meinen Freunden. Die Jugend hier ist zum größten Teil liberal und demokratisch. Die sind alle gegen Trump. Als wir in Geschichte über die Ermordung John F. Kennedys sprachen, fragten wir uns, ob es einen solchen Aufschrei wie damals auch geben würde, wenn so etwas mit Trump passieren würde. Da sagten die meisten, nein, da würde es keinen Aufschrei geben. Das war mir dann aber definitiv zu hart.

"Ich dachte, ich könnte etwas bewegen"

Zehn Stunden saß ich vor dem Fernseher. Ich kam am Wahltag aus der Schule und hab sofort eingeschaltet. Außer zum Abendessen habe ich mein Zimmer bis drei Uhr morgens nicht mehr verlassen. Meine beiden Gastgeschwister sind irgendwann ins Bett, aber ich wollte wissen, wie es ausgeht und wie die einzelnen Bundesstaaten abgestimmt haben.

Als Austauschschüler des Parlamentarischen Patenschafts-Programms bin ich im sehr religiösen und republikanischen Idaho gelandet. Meine Gastfamilie ist religionslos und sehr entspannt, ich mag sie total. Es existieren hier durchaus verschiedene Meinungen, die aber alle akzeptiert werden. Zum Beispiel haben meine beiden Gasteltern völlig unterschiedliche Ansichten zum Thema Waffen. In unserem Haushalt befinden sich etwa 40 Waffen, und das, obwohl meine Gastmutter absolut dagegen ist. Sie respektiert jedoch das Recht meines Gastvaters, Waffen zu besitzen, und vertraut ihm, sie im Notfall richtig einzusetzen. Auch zwischen meinen Gastgeschwistern und ihren Eltern gibt es einige Meinungsunterschiede, zum Beispiel zu Trumps "America first"-Politik. Mein Gastvater hat für Trump gestimmt; meine Gastmutter eine unabhängige Partei gewählt. Sie gehen ganz offen damit um, und wir sprechen viel darüber, obwohl die Austauschorganisationen uns empfohlen haben, besser nicht über Politik zu reden.

Auf meiner Schule sind etwa 70 bis 80 Prozent Mormonen. Viele Eltern haben vermutlich traditionell republikanisch gewählt, auch wenn sie nicht unbedingt die Werte von Trump teilen. Ich vermute, dass auch der Großteil meiner Lehrer republikanisch ist. Politische Debatten werden hier, wie auch in Deutschland, in vielen Schulen nur ungern aufgegriffen, um eine gewisse Neutralität zu wahren. Eine Ausnahme war eine meiner Lieblingslehrerinnen, bei der ich für ein Trimester das Thema Understand Holocaust hatte. Sie hat im Unterricht über die rassistische Komponente von Trumps Wahlprogramm gesprochen und meinte, dieser Präsident hätte verhindert werden müssen.

Die Schüler selbst veranstalten hier keine Proteste. Wir haben eine AG, die heißt "Junge Republikaner", aber es gibt keine "Jungen Demokraten". Das ist hier nicht so vielfältig. Ich finde das sehr schade. Hier kommt es einem manchmal noch vor wie im 19. Jahrhundert. Die strenge Gläubigkeit bestimmt unglaublich viel. Die Religion nimmt sogar Einfluss auf die Politik. Bei den Mormonen sind Alkohol und Kaffee strengstens verboten. Andererseits besitzen die Familien selbstverständlich all diese Waffen. Ich frage mich, ob sich das hier jemals ändern wird. Von Deutschland bin ich ja ein sehr offenes Umfeld gewohnt. Deshalb ist das Leben in Idaho für mich schon eine Umstellung. Themen wie Familie, Religion oder Toleranz muss man sehr sensibel ansprechen. Als gefährlich empfinde ich auch das weit verbreitete Halbwissen zu eigentlich allem, was außerhalb der USA passiert. Ich wurde gefragt, ob Berlin in Russland liege! Ich dachte, ich könnte vielleicht etwas bewegen, indem ich versuche, mein Umfeld zu korrigieren, aber das ist alles andere als einfach. Als Europäer nach Idaho zu kommen ist ein Abenteuer und manchmal eine Reise zurück in die Vergangenheit.