Wenn Kad Merad den sozialistischen Bürgermeister von Dünkirchen im Wahlkampf um die französische Präsidentschaft spielt, dann kommt allerhand Brennstoff zusammen. Schon wieder das wüste Nordfrankreich! Endlich wieder Kad Merad! Mal wieder die für jede Erwartungsenttäuschung vorab als Favorit qualifizierte Linke, und dann noch eine Glatze mit Bart.

Das von Identitäts- und Terrorängsten gejagte Frankreich hat die Politserie Baron Noir, in der Kad Merad die bärtige Hauptrolle spielt, euphorisch gefeiert, als sie im vergangenen Jahr ausgestrahlt wurde, und jetzt startet die erste Staffel am 6. April exklusiv synchronisiert für die deutschen Nachbarn, während in Frankreich die zweite Staffel gedreht wird. Baron Noir ist ein hochnervöses Stakkato schneller Schnitte, gehetzter Worte, und zeigt einen von Rachelust angetriebenen Kampf um die Macht. Meisterhaft ambivalent.

Denn das gejagte Herz Frankreichs verkörpert Kad Merad, der Publikumsliebling, gebürtig im algerischen Sidi bel Abbès und legendär in seiner Rolle als mediterraner Postbeamter, der nach Nordfrankreich strafversetzt wird, wo noch Ch’ti gesprochen wird, ein Dialekt des Picardischen. Ans Ende der nationalen Welt. Etwa 20 Millionen Kinobesucher haben den Algerienfranzosen Merad in der Komödie Willkommen bei den Sch’tis, dem in Frankreich erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten, gesehen und lieben ihn dafür, dass er einer verspotteten Region der Globalisierungsverlierer ihre Würde zurückgab und ihr Komik verlieh.

Es ist ebenjene deindustrialisierte Region, die auch der Soziologe Didier Éribon durch seine autobiografische Milieustudie Rückkehr nach Reims als Brutstätte des Rechtspopulismus berühmt gemacht hat und desgleichen der Bestseller-Roman Abschied von Eddy des jungen Homosexuellen Edouard Louis, der von der elenden Kindheit in einem picardischen Dorf erzählt, das sich nur durch Marine Le Pen wahrgenommen fühlt.

In Baron Noir eilt nun aber der Sozialist, den Merad spielt, fortgesetzt heim nach Dünkirchen, in die allernördlichste Hafenstadt Frankreichs, die im Juli 2017 in Christopher Nolans Film Dunkirk Schauplatz Hollywoods sein wird: Ebendort haben 1940 Franzosen und Briten gemeinsam, wenngleich nur vorübergehend, dem Westfeldzug Hitlers die Stirn geboten, was fortan als "Wunder von Dünkirchen" galt. Diese Region ist gegenwärtig klar überdeterminiert, Nordfrankreich ist der ideale Gegenpol zu Paris. Das Beste an Baron Noir: Die Figur des Bürgermeisters, des abgründig solidarischen Machtmenschen, ist zugleich Paris und Provinz. Kad Merad spielt den Politiker als ruhelosen Pendler zwischen Elite und Volk. Und am 23. April wird wirklich gewählt. 

"Baron Noir" läuft auf Sony Pictures Television und ist abrufbar in den Videotheken von Vodafone, Telekom und Unity Media.