Am Morgen ist mir glücklicherweise eingefallen, dass es Fußball gibt. Fußball kann man schauen, über Fußball kann man reden. Immer und überall. Bestimmt auch in Bautzen. Und am heutigen Samstag, meinem Einwöchigen in dieser Stadt, ist Bundesliga-Spieltag. Unter www.fussballgucken.info recherchiere ich, dass die Billardgarage die Partien zeigt. Das ist irgendwie geil an Bautzen, im Gegensatz zu Berlin muss man nie lange googeln – gibt halt nicht so viel.

In dieser Woche aber gab es: die Jugendideenkonferenz. Es ist deshalb am Mittwoch etwas Außergewöhnliches passiert: Knut sprach hoffnungsvoll von Bautzen! Im Rahmen der Konferenz organisieren sich die Jugendlichen der Stadt. Meistens tun sie das im Kulturcafé Steinhaus. Das Steinhaus ist Bautzens Konzerte veranstaltende, Kino und Spielabende organisierende, Aktionen wie "Bautzen bleibt bunt" und "Demokratiewochen" durchführende Wollmilchsau. Die einzig vorhandene. Dort trafen sich also Mitte der Woche 20 pubertierende Pickelpolitiker mit einem Sozialarbeiter. Um zu beratschlagen, wie sie die Stadt davon überzeugen, ihnen ein Jugendzentrum zu gewähren. Dabei ist mir Sasha aufgefallen, ein hagerer 17-Jähriger, mit dem breitesten Grinsen und den größten Mandelaugen. Zuerst wegen seiner Flachsereien. Noch viel mehr aber bei seiner zum Zappelphilipptum völlig konträren tiefernsten Wortmeldung. In der er Kameraüberwachung und politische Grundregeln für den zukünftigen Club forderte – beides zum Schutz vor Rechtsextremen.

Einen wirklichen Jugendclub gibt es in Bautzen nicht. Im ersten Stock des Steinhauses gibt es einen Aufenthaltsraum mit Tischtennisplatte und Ghettoblaster. Aber das Steinhaus gehört der Stadt, und die sagt, was dort zu geschehen hat. Auch den Rentnern, die zum Töpfern und Schachspielen kommen. Dabei betonte Bürgermeister Ahrens am Freitag, dass ein elementares Mittel gegen Rechtsextremismus die Jugendförderung sei. Während er sich mit den Sprechern von vier rechtsextremen Gruppen traf, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu einem "überraschend sachlichen Gespräch".

Die Wände der Billardgarage, in der ich heute, am Samstag, Fußball schauen möchte, sind zugehängt mit alten Werksschildern. Wobei jenes altdeutsch verfasste vom Kraftfahrdienst der Wehrmacht, samt am Steuer sitzendem Reichsadler, nicht sein müsste. Zum Fußballschauen sind außer mir drei Leute gekommen. Ein Pärchen, das bald wieder geht. ("Wollen wir Das Supertalent schauen?" – "Ja." – "Oder lieber DSDS?" – "Nee, son Scheiß gugsch nisch.") Bleiben also ich und ein junger Mann mit erkenntlich asiatischem Genmaterial (was weiß ich, ob seine Migration im Hintergrund steht). Er trägt eine beigefarbene Regenjacke und ein Dschingis-Khan-Bärtchen und trinkt emsig Bier.

Ich freue mich über Freiburgs Tor und kommentiere es (zu ihm gerichtet). Er kaut laut Kaugummi. Ich freue mich nicht über Bayerns Tor und kommentiere es. Er kaut laut Kaugummi. Ich bin kurz davor zu kommentieren, dass ich mich nicht über sein lautes Kaugummikauen freue, als er vorschlägt, eine zu rauchen. Mit dem bautzischsten Bautzendialekt, den ich bisher gehört habe. Eigentlich sagt er selten mehr als drei Worte am Stück, etwas hektisch und doch langsam zugleich. In diesem Duktus sprechen wir über das bevorstehende Abendspiel, das Derby zwischen Dortmund und Schalke. Wobei sich Viet, was er selbst als Vait ausspricht, schon auf das Derby zwischen Schalke und Leipzig freue. Ungefähr siebenmal frage ich Viet, wie Schalke (Ruhrpott) gegen Leipzig (Sachsen) bitte ein Derby sein kann. Ebenso oft antwortet er "aber trotzdem" oder "ja, genau". Und dennoch verstehen wir uns. Deswegen erlaube ich mir die Frage, ob Viet in Bautzen oft Ärger mit Nazis hat. "Nee, bin in Bautzen geboren. Wenn einer was will, sage ich meine Meinung. Mich kennen alle." Bei den Neuen, den Flüchtlingen, da verstehe er, dass es Ärger gebe. Aber doch nicht bei ihm.

Bis zum Abendspiel ist noch eine Stunde. Um die Zeit totzuschlagen, bestreiten wir die unansehnlichste Dartpartie aller Zeiten. Zum Derby füllt sich die Bar. Nebenan wird gekegelt. Und doch ist die Stimmung seltsam trüb. Daran ist vielleicht das 0 : 0 schuld. Aber das Dutzend Menschen, das den Samstag hier verbringt, wirkte auch vor Anpfiff traurig. Viet ist noch einer der Lebendigsten, indem er immer wieder "Scheiß-Schalke" vor sich hin sagt. Vor drei Stunden habe ich ihn gefragt, was er beruflich macht. Am Ausgang holpert ganz unvermittelt aus seinem Mund: "Bürokaufmann. Aber gerade im Urlaub. Weil mein Chef Urlaub macht, noe."

Wir verabreden uns für die Spiele kommende Woche. Und er bietet sogar eine Umarmung zum Abschied an. Verrückter Kerl. Also nicht wegen der Umarmung, sondern wegen so ziemlich allem davor.