Er hat ins Peninsula geladen, eines jener New Yorker Luxushotels, dessen livrierte Portiers mit Glacéhandschuhen die Drehtür am Eingang noch einmal anschubsen, damit die Gäste sich nicht zu sehr bemühen müssen. Bradley Birkenfeld trägt einen blauen Blazer und den Hemdkragen offen. Er ist 52 Jahre alt. Zweieinhalb davon hat er im Gefängnis verbracht.

Birkenfeld war Privatbanker, auch wenn er mit seinem ausrasierten Bart eher aussieht wie ein Biker. Jahrelang half er reichen US-Amerikanern, ihr Geld vor dem Finanzamt bei Banken in der Schweiz zu verstecken. Dann wechselte er die Seiten – und zerschlug jene Grundlage, auf der er zuvor gearbeitet hatte: das Schweizer Bankgeheimnis. "Ich bin der Mann, der den größten Steuerskandal der Welt aufgedeckt hat", sagt er.

Eigentlich wollte Birkenfeld Kampfpilot werden. Als Jugendlicher geht er zur Militärakademie. Bis einer seiner Lehrer meint, mit seiner bulligen Statur passe Birkenfeld nicht in die schmalen Cockpits moderner Jets. Birkenfeld studiert stattdessen Finanzwissenschaften. Er heuert bei der Bostoner Großbank State Street an. Wie einst auf der Militärschule genießt er die Kameradschaft unter den Händlern. Wer dort als zu weich gilt, erzählt Birkenfeld, dem stellen die Kollegen einen pinkfarbenen Damenschuh auf den Schreibtisch. "Mehrere davon, und die Jungs behandeln dich, als hättest du Herpes", erinnert er sich.

Birkenfeld sagt, er habe für seine Kunden Diamanten geschmuggelt, in Zahnpastatuben

Später zieht er in die Schweiz, steigt bei der Bank Credit Suisse ein und landet schließlich bei der Union Bank of Switzerland (UBS), der größten Bank der Schweiz. Als Privatbanker betreut er dort schwerreiche Kunden aus den USA, zählt zur Elitetruppe der Bank. So wie es Birkenfeld beschreibt, war es ein äußerst angenehmer Job: Mit seinen Kunden fährt er zum Formel-1-Rennen nach Monaco, zur Segelregatta in die Karibik, zur Art Basel in Miami, wo ihn die Kunst zwar gelangweilt habe, das Nachtleben aber umso aufregender gewesen sei. Birkenfeld sagt, die Reisen hätten vor allem einen Zweck gehabt: Kontakt zu potenziellen Kunden aufzunehmen, zu Unternehmern, Schönheitschirurgen, Reedern. "Man kommt ins Gespräch, dann lässt man beiläufig fallen, dass man gern auch bei Geldangelegenheiten behilflich ist – und bald trifft man sich in Genf." Dort lud Birkenfeld die Kunden erst zu einem netten Abend mit jungen, hübschen Frauen ein und am nächsten Tag in die Bank, wo sie ein Nummernkonto eröffneten. Das, sagt Birkenfeld, sei die Routine gewesen.

Um das Vertrauen der Multimillionäre zu gewinnen, wird er wie sie: trägt Brioni-Anzüge, residiert in einem Genfer Nobelviertel, raucht Zigarren, Partagas No. 4 Robustos, direkt aus Havanna eingeflogen. Er leistet sich ein Chalet in Zermatt, hat eine Frau an seiner Seite, die er "meine exotische brasilianische Freundin" nennt. Besonders stolz ist Birkenfeld auf seine Uhr: eine Audemars Piguet Royal Oak Offshore T-3 für 25.000 Dollar, "die Uhr, die Arnold Schwarzenegger im Film Terminator trug".

Im April 2001 trifft Birkenfeld in Kalifornien einen Kunden, der sein Leben verändern wird: Igor Olenicoff, ein russischer Einwanderer, der es laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes mit Immobilien zu einem Vermögen von 3,7 Milliarden Dollar gebracht hat. "Goldfinger" nennt Birkenfeld ihn. Was bei diesem Treffen passiert, erzählt Birkenfeld so: Olenicoff habe durchblicken lassen, dass er 200 Millionen Dollar anlegen wolle, vorbei an den US-Steuerbehörden. Olenicoff wird Birkenfelds bester Kunde. Und Birkenfeld wird dank seiner zum Großverdiener.

Doch es gibt ein Problem: Der Kundenfang in den USA ist illegal; Birkenfeld und seine Kollegen sind bei der US-Aufsicht nicht gemeldet – und leisten Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Birkenfeld erzählt, einmal habe er mit Schwarzgeld Diamanten für einen Kunden gekauft und sie dann zu ihm in die USA geschmuggelt, in einer Zahnpastatube. Die Bank habe ihn und seine Kollegen genauestens instruiert, um die verbotenen Geschäfte zu verschleiern: Unterlagen mit sensiblen Kundendaten hätten sie nicht persönlich durch die Grenzkontrolle tragen dürfen, sondern per Post in die USA schicken müssen, in ein Hotel oder zu einer Vertrauensperson. Sie hätten speziell verschlüsselte Laptops bekommen, deren Daten sich mit einem einzigen Geheimkommando löschen ließen. "Geheimdienstmethoden", sagt Birkenfeld. Damals aber hat er mitgemacht.

Olenicoff war nur einer von unzähligen Reichen, die zu Bankern wie Birkenfeld kamen, um Steuern zu hinterziehen (siehe Kasten). Wo und wie genau sie das Schwarzgeld versteckten, darüber gab es lange nur Mutmaßungen. Erst Birkenfelds Enthüllungen hätten den Ermittlern Belege geliefert, sagt Dean Zerbe, ein ehemaliger Berater im Finanzausschuss des US-Senats, der bei der amerikanischen Steuerbehörde ein Whistleblower-Programm aufgebaut hat – und Birkenfeld später als Anwalt vertrat.