Man muss sich langsam Sorgen um die Ostseeküche machen. Nach Kevin Fehling ist ein weiterer Spitzenkoch nach Hamburg ausgerückt. Das Saisongeschäft sei zu mühsam geworden, sagt Sven Brechtmann. Er hat mit seiner Frau über Jahre das beste Restaurant von Scharbeutz geführt, spezialisiert auf die ungewöhnliche Mischung von Norddeutsch und Fernöstlich.

Anders als Fehling hat er den Neustart bedächtig angelegt. Aus Brechtmanns Botschaft wurde Brechtmanns Bistro, das vor wenigen Wochen ohne jede Werbung in der Eppendorfer Erikastraße eröffnete. Das angenehm kühl eingerichtete Lokal ist mit seinen Nischen und Nebenräumen größer, als es scheint. Kleiner geworden ist die Karte und deutlich einfacher auch. Man erkennt aber den Brechtmann-Stil, der mit Fusion wenig zu tun hat: Satay und Schnitzel laufen einfach nebeneinander her.

Von den deutschen Speisen sollte man wissen, dass sie beinahe altmodisch ausgelegt sind. Beim Spargel mit Salzkartoffeln ist das originellste Detail, dass roher Schinken statt gekochtem dazu gereicht wird. Die Hollandaise schmeckt prima. Die Stangen allerdings wurden so weich gekocht, dass man einen Knoten hineinmachen könnte.

Besser, man überlässt solche Speisen eventuell mitgeführten Schwiegereltern und hält sich an die asiatische Auswahl. Die pikante, geradezu erfrischende Erdnusssauce zu den saftigen Hühnerfleischspießen lässt die meisten Hamburger Asiaten alt aussehen. Das gilt noch mehr für die Thai-Currys, die süßer, saurer, schärfer sind als das, was man hier gewohnt ist. Ob es Sinn ergibt, dazu (unbeholfen geschnittenes) Sashimi anzubieten, ist eine andere Frage.

Wenn sich an diesen Speisen etwas Deutsches erkennen lässt, dann ist es der unbekümmerte Einsatz von Obst. Etwas weit geht das beim Thunfischtatar unter einer Knusperschicht von Kadaifi. Die marinierte Ananas stiehlt dem guten Fisch die Schau.

Ganz zur Scharbeutzer Form hat Brechtmann noch nicht gefunden. Aber man spürt schon viel von dem, was deutsche Köche an Südostasien so inspirierend finden: die entfesselten Aromen. "Den Leuten in die Fresse geben" nennt das Tim Raue, der Erfolgreichste unter ihnen.

Die Brechtmanns würden das sicher moderater ausdrücken. Sie haben ein bisschen Ostseebeschaulichkeit mit nach Hamburg gebracht. Da fehlt es nie an der Zeit, dem Hund der Gäste eine Schüssel Wasser oder dem Kind ein Spielzeug zu bringen. Ob er Scharbeutz vermisst? Sven Brechtmann wiegt den Kopf. "Da waren die Leute konservativ, nicht so aufgeschlossen wie hier." Jawoll, denkt sich der Eppenstädter und geht zufrieden heim.

Brechtmanns Bistro, Erikastraße 43, Eppendorf. Tel. 41 30 58 88. Geöffnet täglich von 12 bis 22 Uhr. Hauptgerichte um 20 Euro. Derzeit nur Barzahlung