Den besten Kommentar zum Brexit spricht John von Gaunt in Shakespeares Richard II.: "Durch seinen Ruhm in aller Welt so teuer / England, gewohnt, die andern zu besiegen / Hat sich zu seiner Schande selbst besiegt." Theresa May glaubt das nicht. Sie feiert den "historischen Moment, der keine Umkehr erlaubt". Wohin’s gehen soll, brüllt die Schlagzeile der Daily Mail: FREEDOM!

Gewiss doch. Der Abgang verheißt Freiheit von einer EU, die mit Abertausenden von Gesetzen und Verfügungen, uralten Sitten und Traditionen die Vorrechte des Parlaments verstümmelt hat. Die Freiheit, Grenzen zu schließen, eigenmächtig darüber zu bestimmen, wer kommen darf. Es ist der Traum, wieder Außenpolitik zu betreiben wie unter der ersten Elisabeth vor 500 Jahren. Weiland schwärmte ein Bewunderer, sie sei die "Schiedsrichterin zwischen Spanien, Frankreich und Holland" und England das "Zünglein an der Waage".

Und der Preis der Freiheit? Den glauben die Briten verschmerzen zu können. Der höchste wäre "Little England", das halbe Reich, wenn Schottland abfällt und Nordirland sich mit dem Süden vereint. Dass sie Schloss Balmoral verliert, könnte die zweite Elisabeth verkraften. Aber den Atom-U-Boot-Stützpunkt am Clyde?

Grundsätzlich: Im großen Rad der Weltpolitik pflegte London einst die Nabe zu sein, der Rest der Welt gab die Speichen ab. Aber das Imperium ist seit Jahrzehnten Vergangenheit. Die Zukunft signalisiert nicht Rule, Britannia, sondern "allein zu Haus" in einer Welt der Giganten: USA, China, Russland, EU. Wie will die Mittelmacht ein neues Netzwerk aus einer Position der Vereinzelung knüpfen? Wie die Handelsströme umleiten, deren breitester nach Europa fließt? Wer auf Kraftverstärker verzichtet, muss sich den Regeln der Großen beugen, im Handel wie in der Diplomatie. Die Kleinen schreiben die Regeln nicht; sie müssen sich fügen.

Die Populisten schert das nicht; sie wollen vor allem das Land gegen "diese Europäer" – Ärzte, Pfleger, Klempner – abriegeln. Bloß riskieren sie damit nicht nur den Kollaps der Bau- und Gesundheitswirtschaft, sondern auch die kostbarste Ressource überhaupt: Talent und Ambition, Hirne und Hände. Seit tausend Jahren hat die Einwanderung Britannien "great" gemacht. Fast zwei Fünftel der britischen Nobelpreisträger stammen aus dem Ausland.

Gewiss wird London seine Stimme in Europa behalten, aber ohne Stimmrecht. Und die EU? Deren Stimme wird leiser klingen ohne die fünftgrößte Wirtschaftsmacht auf Erden, die im UN-Sicherheitsrat sitzt und anders als so mancher Kontinentalstaat die Kriegskunst nicht vergessen hat. 28 minus 1 ergibt weniger als die Summe der Verbliebenen.

Es wird noch eine andere Stimme fehlen, die zumal die Deutschen und Niederländer geschätzt haben: die Stimme gegen den Etatismus und Regelungseifer der Franzosen, das Plädoyer für Freihandel und Eigenverantwortung. Die Briten haben auch die nützliche Rolle des Mahners gespielt, der die 27 an die große, weite Welt jenseits von Brüssel erinnerte.

Vorerst böllern beide noch, um sich gegenseitig zu beeindrucken. Aber das wohlbedachte Interesse muss – wird – die Oberhand gewinnen. Eine harte Scheidung hat nur einen Vorteil: Man wird den anderen endlich los. Doch hinterher stehen beide ärmer und einsamer da.