Muss eine liberale Uni in Budapest schließen? Fragen an den Rektor

DIE ZEIT: Herr Ignatieff, vor wenigen Tagen hat die Regierung Orbán ein neues Gesetz durch das ungarische Parlament gebracht, das die Existenz der Central European University (CEU) bedroht, die Sie als Rektor leiten. Was genau befürchten Sie?

Michael Ignatieff: Das Gesetz ist ein massiver Angriff auf unsere Universität. Wir sollen in Ungarn nicht mehr als eigenständige Hochschule anerkannt werden, es sei denn, wir nehmen auch in unserem Heimatland, den USA, eine faktische Hochschultätigkeit wahr. Wir haben 1.800 Studenten, bestehen in Budapest seit mehr als 25 Jahren. Nun will man uns ins Abseits stellen.

ZEIT: Sie vergeben US-amerikanische Abschlüsse, obwohl Ihre Uni in Budapest steht. In den USA haben Sie weder einen Campus noch Dozenten. Warum nicht?

Ignatieff: Unser Zentrum für Lehre und Forschung liegt nun einmal in Budapest. Wir sind in den USA akkreditiert, wir erfüllen alle Vorgaben für Universitäten aus den USA. Renommierte Erhebungen zählen uns zu den 50 besten Hochschulen weltweit. Wir werden dennoch keinen US-Campus eröffnen, der Aufwand wäre immens. Dieser Teil des Gesetzes ist pure Schikane und zeigt, dass die Änderungen sich vor allem gegen unsere Universität richten.

ZEIT: Die Orbán-Regierung will Sie offenbar loswerden. Ihre Universität wurde gegründet vom Börsenmilliardär George Soros, der aus Ungarn stammt. Sie gilt in Regierungskreisen als Hort "liberal-extremistischer" Haltung. Sieht die Regierung in Universitäten wie der CEU eine außerparlamentarische Opposition?

Ignatieff: Ich sehe das nicht als politischen Streit. Wir haben unter den Mitarbeitern und Studenten viele, die Orbán gewählt haben, wir schreiben niemandem vor, was er wählen soll. Was hier versucht wird, ist ein Angriff auf die akademische Freiheit. Wir sind in vielerlei Hinsicht unabhängig von Ungarn, finanziell und auch was unsere Abschlüsse angeht. Damit hat man keine Kontrolle über uns, und das ist der Regierung offenbar ein Dorn im Auge. Aber mit dem Gesetz überschreitet sie klar eine Grenze. Derartige Aktionen gegen Universitäten gab es kürzlich schon in St. Petersburg und in der Türkei. In Ungarn hat das aber eine andere Qualität, das Land gehört immerhin zur Europäischen Union.

ZEIT: Was werden Sie jetzt unternehmen?

Ignatieff: Wir werden versuchen, in einen Dialog mit der ungarischen Regierung zu treten, haben aber auch vor, das Gesetz als verfassungswidrig anzufechten.

ZEIT: Das Gesetz kommt ausgerechnet jetzt, nach dem Regierungswechsel in den USA. Trump und Soros können sich nicht leiden. Womöglich verspricht sich Orbán, dass Trump die CEU gleichgültig ist und Sie nicht unterstützt?

Ignatieff: Dann hat er sich geirrt. Wir haben bereits von US-amerikanischer Seite Unterstützung zugesagt bekommen. Fest steht: Egal, was geschieht, die Central European University wird auf keinen Fall schließen. Wir machen weiter. Das sollen auch die deutschen Studenten wissen, die sich beworben haben.