Verschieben sich gerade die weltpolitischen Machtverhältnisse? Zwei Dinge fallen auf. Der eine macht sich größer, als er ist, der andere macht sich kleiner – und gewinnt genau dadurch an Stärke. Diesen Donnerstag treffen sich Donald Trump und Xi Jinping in Florida, und zum ersten Mal taxieren sie sich von Angesicht zu Angesicht. Alte trifft auf neue Weltmacht und das in politisch aufgeheizten Zeiten.

Über Trumps Vorgehen muss hier nicht viel gesagt werden. Es ist laut. Xis Strategie ist nach viereinhalb Jahren Amtszeit sehr viel schwerer zu durchschauen. Er ist leiser, nie greift er Trump direkt an, stattdessen nimmt er die Räume ein, die Trump freigelassen hat. Den Chinaforscher Sebastian Heilmann erinnert das an eine Maxime, die der Militärstratege Sunzi im 5. Jahrhundert vor Christus formulierte: Vermeide die Hauptmacht, dringe in die offenen Räume. Guerillataktik.

Obama schmähte China als Trittbrettfahrer, heute feiern die Europäer Xi Jinping

Xi möchte die Konfrontation mit den USA unbedingt vermeiden oder zumindest verzögern, denn er weiß, dass er dabei noch nicht gewinnen kann. Die amerikanische Streitmacht ist der chinesischen weit überlegen. Äußerst ungelegen käme Xi ein Vorfall, der chinesische Patrioten erzürnen könnte. Sie würden Revanche fordern, die Xi nicht liefern kann, er verlöre sein Gesicht. Trumps Unberechenbarkeit ist für Xi ein großes Risiko.

Gleichzeitig eröffnet Trump den Chinesen gewaltige Chancen. Wenn es je einen perfekten Zeitpunkt gab, still und geschmeidig ihren Einfluss auszubauen – dann ist das jetzt. Trump hält ihnen eigenhändig die Türen auf, sie müssen nur noch hindurchgehen. Der US-Präsident kündigt das asiatisch-pazifische Freihandelsabkommen auf, Xi bietet eine Alternative unter chinesischer Ägide. Trump wickelt den Klimaschutz ab, Xi steigt zum wichtigsten Klimaschützer auf. Trump liebäugelt mit dem Protektionismus, Xi geriert sich als Wahrer des Freihandels. Trump vernachlässigt internationale Institutionen, Xi schafft seine eigenen, zum Beispiel die Asian Infrastructure Development Bank. Beständig, wenn auch weithin unbemerkt arbeiten die Chinesen daran, die eigenen Begriffe (und die damit verbundene Ideologie) in Dokumente der Vereinten Nationen zu weben. Schicken Soldaten auf Friedensmissionen (was ihnen die Möglichkeit gibt, Kampferfahrung zu sammeln). Trump reduziert die Entwicklungshilfe, Xi baut Straßen, Häfen und Bahnstrecken in aller Welt. Trump vernachlässigt Afrika, Xi errichtet den ersten Auslandsmarinestützpunkt in Dschibuti, Ostafrika.

Trump kommt Peking sogar noch weiter entgegen, indem er seine Ministerien vernachlässigt und entscheidende Posten unbesetzt lässt. Die chinesische Bürokratie arbeitet meist exzellent, der Beamtenstaat hat hier jahrtausendealte Tradition.

Vieles von dem, was Peking unternimmt, tat es auch vorher – nur erscheint es jetzt in anderem Licht. Einst schimpfte Obama China einen verantwortungslosen Trittbrettfahrer, Pekings außenpolitische Avancen wurden mit Misstrauen verfolgt. Und im Januar des Jahres 2017? Feierten die verunsicherten Europäer Xi beim Weltwirtschaftsforum in Davos fast schon als Lichtgestalt – schneller kann sich kein Imagewandel vollziehen.

Und doch sind Xis außenpolitischen Ambitionen Grenzen gesetzt. Sein größter Albtraum ist, dass die Partei stürzen, das Vielvölkerreich zerbrechen könnte – so wie einst in der Sowjetunion. Die Stabilität im Inneren hat höchste Priorität, umso mehr, als in diesem Jahr eine Verjüngung an der Parteispitze ansteht. Ein Teil der Bürger ist sehr patriotisch, viele aber halten nichts von außenpolitischen Abenteuern. Sie wollen nicht, dass ihr Präsident Millionen im Ausland verplempert, wichtiger ist ihnen, dass er die Wirtschaft daheim ankurbelt – das einst sagenhafte Wachstum ist zurückgegangen.

In Florida verkörpert Trump eine Macht, die dabei ist, sich von ihrer Vision zu verabschieden. Xi hat der Welt erst gar keine anzubieten, dazu ist das Land zu widersprüchlich. Alles, was die Partei ins Feld geführt hat, um die Demokratie zu diskreditieren und den eigenen Machtanspruch zu zementieren: Trump scheint es zu bestätigen. Ausgerechnet der Mann, der gelobte, "to make America great again", macht: China wieder groß.

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