Auf dem ehemaligen Areal der Commerzbank am Neß, gleich um die Ecke vom Rathaus, stehen ein Altbau aus den 1870er Jahren und ein Hochhaus aus den 1960er Jahren. Manche halten es für einen Skandal, dass der moderne, vom Hamburger Architekten Godber Nissen errichtete Bau denkmalgeschützt ist, der ältere jedoch nicht. Der eigentliche Skandal ist aber, dass wohl bald keines der beiden Gebäude mehr dort stehen wird. Letztes Jahr kaufte das Unternehmen Procom die Immobilien. Im HamburgerAbendblatt drohte der Investor kürzlich – unter der Beteuerung, er wäre an einer "einvernehmlichen Lösung" interessiert – damit, die Stadt zu verklagen, wenn ihm keine Abrissgenehmigung erteilt würde.

Procom hat früher einmal die Zeisehallen modernisiert und sich dabei einige Meriten erworben, weit mehr jedenfalls als mit den Discountern, die das Unternehmen deutschlandweit auf grünen Wiesen hochzieht.

Beim Commerzbank-Areal weiß der Investor die Bezirkspolitik auf seiner Seite, SPD und Grüne, in Teilen auch die Presse. Schließlich geht es um die architektonische Nachkriegsmoderne, und die gilt vielen noch immer als Bausünde, als Schandfleck. Dabei besitzen diese Gebäude ästhetische Qualitäten eigener Art. In einer Zeit, in der spektakulären Einzelbauten zugejubelt wird, setzt die rationale und egalitäre Gestaltung der Nachkriegsarchitektur einen Kontrapunkt. Auf sozialen Ausgleich zielte diese Architektur, auf Fairness und Transparenz.

Procom ist das egal. Das Unternehmen beruft sich auf zwei Gutachten, die ergeben haben: Ein Erhalt des denkmalgeschützten Hochhauses sei wirtschaftlich nicht zumutbar. Nichts anderes war zu erwarten, schließlich hat Procom die Gutachten selbst in Auftrag gegeben.

So laufen die abgekarteten Spielchen der Branche. Natürlich schwebte dem Investor auch schon beim Kaufabschluss im Februar 2016 die Unzumutbarkeit des Denkmalerhalts vor Augen: Mehr als 70 Millionen Euro bezahlte er für das Areal. In der Summe war der Abriss bereits eingepreist.

Nur dürfte diese Art der Behandlung des Denkmalschutzes bald das Einzige sein, was Hamburg als Tradition vorzuweisen hat. Zwischen 2012 und 2014 wurde ein einzigartiges Industrie-Ensemble der sechziger Jahre auf der Peute abgerissen, weil es der Hafenbehörde HPA so passte. Beschlossen ist auch der Abriss des denkmalgeschützten City-Hofs, weil die Stadt und ihr Oberbaudirektor Jörn Walter es so wollen.

Und nun also das Hochhaus am Neß, weil es jenen Immobilienentwicklern nützt, die in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren in Hamburg so viel Geld verdient haben, dass man ihnen wirtschaftlich weit mehr zumuten könnte als den Erhalt denkmalgeschützter Bauten.

Und doch kann man Procom keinen Vorwurf machen. Der Denkmalschutzrat hat in einem Schreiben darauf hingewiesen, der Investor habe sein Neubaubegehren "leider auch mit dem in Aussicht gestellten Abriss des City-Hofs begründet". Das ist in der Tat konsequent. Warum sollte die Stadt etwas dürfen – nämlich den City-Hof abreißen –, was der Investor nicht darf?

Man könnte höhnisch sagen, dass die ganze Angelegenheit für all jene ärgerlich sei, die im Besitz einer denkmalgeschützten Immobilie sind, aber nicht über die Mittel verfügen, sich nach dem Vorbild der Stadt, der HPA und Procom über den Denkmalschutz hinwegzusetzen.

Ärgerlich ist der Fall aber vor allem für alle, die Denkmalschutz für eine sinnvolle Sache halten. Der wird in Hamburg gerade systematisch ausgehebelt, ohne dass es eine ernst zu nehmende Gegenwehr gibt. Für eine Stadt wie Hamburg ist das eine Blamage.