DIE ZEIT: Herr Schreiber, gerade ist Ihr Buch Inside Islam erschienen, dafür sind Sie in dreizehn Moscheen gegangen und haben sich die Predigten angehört. In Hamburg waren Sie in der Centrum-Moschee in St. Georg, was haben Sie dort erlebt?

Constantin Schreiber: Der Besuch hat mich beeindruckt. Die Centrum-Moschee ist ein repräsentativer Bau mit Kuppel und Minarett, es gibt fünf Etagen, auf jeder Etage sind Gebetsräume, und an Freitagen ist es so voll, dass die Gläubigen überall stehen, in allen Räumen, selbst im Treppenhaus. Die Predigt war eher untypisch, weil sie sehr kurz war. Es ging ums Spenden.

ZEIT: Nicht gerade ein spirituelles Thema.

Schreiber: Nein, das war rein politisch. Ich habe die Moschee im August 2016 besucht, kurz nach dem Putschversuch in der Türkei. Der Imam forderte die Gemeinde auf, ordentlich zu spenden, weil der Gegner, die Gülen-Bewegung, ja auch fleißig sammelt und ihr Geld zu ihrem Anführer in die USA schickt.

ZEIT: Sie waren für eine Fernsehdokumentation auch in der Al-Nour-Moschee in St. Georg. Haben Sie dort andere Erfahrungen gemacht?

Schreiber: Auch dort hat mich verblüfft, wie viele Menschen zu den Freitagsgebeten kommen. Das geht nur in Schichten, gleichzeitig würden niemals alle reinpassen. Die Gemeinde zieht bald nach Horn in ein altes Kirchengebäude, noch hat sie ihre Räume in einer Tiefgarage. Wenn man das miterlebt, wie nebenan die Autos rauf- und runterfahren und die Menschen in einem dunklen, feuchten Loch auf die Knie gehen, kann man schon verstehen, dass sie sich als Außenseiter in dieser Gesellschaft fühlen.

ZEIT: Worüber wurde gepredigt?

Schreiber: Über das Wort Gerechtigkeit. Der Begriff blieb aber leider abstrakt. Der Imam sagte, Gerechtigkeit sei wichtig, ihr sollt gerecht sein, ihr sollt eure Kinder gerecht erziehen. Was Gerechtigkeit im Konkreten bedeutet, sagte er nicht.

ZEIT: Für Ihr Buch haben Sie sich nicht angemeldet, sind einfach zu den Predigten gegangen. In die Al-Nour-Moschee haben Sie ein Fernsehteam mitgenommen. Das ändert doch automatisch die Situation.

Schreiber: Natürlich kann das einen Einfluss darauf haben, was gepredigt wird. Das TV-Format versteht sich aber vor allem als Aufklärung. Wir wollen unseren Zuschauern zeigen, wo es überall Moscheen gibt, wollen ihnen näherbringen, wie ein Gebet abläuft, wollen erklären, woher die Imame kommen.

ZEIT: Was hat Sie in den Hamburger Moscheen überrascht?

Schreiber: Mein Besuch in der Centrum-Moschee war einer der ersten während der Buchrecherche, und ich war völlig überwältigt vom Andrang. Ich bin auf eine katholische Schule gegangen, Menschen in meinem Umfeld gehen regelmäßig in die Kirche, die sind so leer. In den Moscheen aber waren viele Menschen, vor allem viele junge Menschen.

ZEIT: Gab es Inhalte, die Sie entsetzt haben?

Schreiber: In Hamburg nicht wirklich. Mich haben die Bedingungen verstört, inhaltlich bin ich eher unbefriedigt nach Hause gegangen, weil keine der beiden Predigten einen Bezug zum realen Leben in diesem Land hatte. Bei den Spenden ging es um eine innertürkische Angelegenheit, die Predigt über Gerechtigkeit war abstrakt. In der Moschee waren viele Flüchtlinge, denen hätte es total geholfen, wenn der Imam über Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft gesprochen hätte, wenn er Beispiele gegeben hätte, wenn es eine Diskussion gegeben hätte.

ZEIT: Haben Sie Inhalte in anderen Moscheen Deutschlands verstört?

Schreiber: Eine Woche nach dem Putschversuch war ich in der Şehitlik-Moschee in Berlin. Die Predigt dort war eine ganz klare politische Ansprache. Der Imam rief, dass man den Putschversuch verurteilen müsse, dass man die Märtyrer, die ihr Leben für diese großartige Nation verloren hätten, feiern müsse. Mit Religion hatte das Ganze gar nichts zu tun. In einer anderen Berliner Moschee wurde ungefähr zur selben Zeit gesagt, Gläubige dürften auf Erden keine Unruhe stiften. Eine klare Ansage: Muckt nicht gegen die Autoritäten auf.

ZEIT: Ihre Recherchen für das Buch werden kritisiert. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor wirft Ihnen vor, dass Sie keinen einzigen muslimischen Theologen, Religionspädagogen, Soziologen befragt haben. Was entgegnen Sie ihr?

Schreiber: Es gehört zur Natur der Sache, dass man zu einem Thema nicht mit allen Experten sprechen kann. Ich habe mir Rat eingeholt, welche Leute ich anfragen soll, die Mehrzahl von ihnen hat abgesagt oder sich nicht gemeldet. Alle, die zugesagt haben, sind in dem Buch auch zu Wort gekommen.

ZEIT: Es wird auch kritisiert, dass Sie nur einen ganz bestimmten Ausschnitt aus dem muslimischen Leben in Deutschland zeigen. Die taz nennt Sie das "Gesicht der Misstrauenskultur".

Schreiber: Ich kann dazu nur sagen, dass die Ergebnisse meiner Recherchen ernüchternd waren.

ZEIT: So etwas wie einen Hoffnungsschimmer gibt es in Hamburg. In der Centrum-Moschee trafen Sie einen 30-jährigen Imam, in Deutschland geboren, er spricht sehr gutes Deutsch. Steht er für eine gute Zukunft des Islams in diesem Land?

Schreiber: Ich hatte in dem Gespräch schon das Gefühl, dass Menschen wie er ganz wichtig für die Entwicklung des muslimischen Glaubens in Deutschland sind. Gäbe es eine Generation von jungen Imamen wie ihn, wäre viel gewonnen.

ZEIT: Haben Sie in anderen Orten ähnliche Imame getroffen?

Schreiber: Nein. Er war der Einzige, mit dem ich auf Deutsch sprechen konnte.

Constantin Schreiber: Inside Islam. Econ, 256 Seiten, 18 Euro