Warum sollten ausgerechnet sie es nicht tun? Flugblätter verteilen, offene Briefe schreiben, twittern. Dank Brexit, Trump und Co. treten immer mehr klassische Musiker für ihre politischen Überzeugungen ein. Nicht selten nutzen sie dafür die Podien, auf denen sie sich ohnehin bewegen. Eine kleine Ansprache an der Rampe, ein Zettel im Programmheft – die Weltlage infiltriert unsere kulturellen Rituale. Längst zieht es die Bewegten auch hinaus aus den Konzertsälen und Opernhäusern. So eröffnete der Cellist Alban Gerhardt vor zehn Tagen die sonntägliche "Pulse of Europe"-Demonstration auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Erst spielte er Bach, dann wandte er sich an die knapp 7.000 EU-Emphatiker zu seinen Füßen: "Herzrasen" habe er bekommen, als der "Clown" ins Weiße Haus eingezogen sei, gestand Gerhardt, und wie sehr er sich wünsche, dass sein Sohn in einem "freien, weltoffenen Europa" aufwachse. Tosender Applaus.

Den bekam gegen Ende der Veranstaltung – kurz bevor, ritzeratze, ein symbolischer Schlagbaum auseinandergesägt wurde – auch Lea Rosh, Jahrgang 1936, nachdem sie "Nie wieder Verdun! Nie wieder Stalingrad! Nie wieder Auschwitz sowieso!" in die Menge gerufen hatte.

Künstler tun sich mit Mehrheiten schwer. Denn Kunst braucht Reibung. Die Verneinung alles selbstverständlich zu Verneinenden (Krieg, Gewalt, Faschismus) wirkt rasch wohlfeil. Und betulich. Und nervt. Das heißt nicht, dass Künstler, um sich in eine schöpferische Spannung zur Gesellschaft zu bringen, notgedrungen die Ansichten von Petry, Wilders und Le Pen teilen müssen. Aber es heißt auch nicht, dass nur derjenige, der öffentlich redet, moralisch und künstlerisch integer wäre (und der, der schweigt, gleichgültig oder verderbt). Interessanterweise äußern sich vor allem Interpreten absoluter Musik – Cellisten, Geiger, Pianisten –, denen das Wort von Berufs wegen fehlt. Sänger, Komponisten oder Regisseure scheinen viel eher auf die Kraft ihrer Kunst zu vertrauen.

Was treibt Alban Gerhardt, sich für "Pulse of Europe" zu engagieren? Was kostet es den russisch-deutschen Pianisten, Bürger und Europäer Igor Levit (so bezeichnet er sich selbst), gefühlte 50 Anti-Trump-Tweets täglich abzusetzen und nach der US-Wahl vor einem Brüsseler Klavierpublikum zu bekennen, sein Leben in der Komfortzone sei vorüber: "Solange ich eine Stimme habe, solange ich in der Lage bin, meine Stimme zu erheben, werde ich nicht zulassen, dass diese aggressiven Leute meine Gesellschaft und meine Welt zerstören. (...) Wir können unsere Stimme erheben, und wir SOLLTEN sie erheben." Das tut Levit, viele bewundern ihn dafür, nennen ihn mutig. Getwittert hat er allerdings schon vor dem 9. November 2016. Und Sanktionen wurden bislang keine gegen ihn verhängt.

Auch der türkische Pianist und Komponist Fazıl Say twittert, freilich nichts Politisches mehr. Zehn Monate auf Bewährung erhielt der bekennende Atheist 2013 für einen Tweet, der nach Ansicht eines Istanbuler Gerichts religiöse Werte verunglimpfte. Seither konzentriert sich Say aufs Musikalische, wie zum Trotz schreibt er gerade ein Werk über Atatürk, den Begründer der modernen türkischen Republik. Ist Say in seinem Engagement glaubhafter als Levit, weil er ein existenzielles Risiko einging? Ist er weniger glaubhaft, weil er sich um die Freiheit seiner Kunst willen den politischen Schneid hat abkaufen lassen?

Anfang des Jahres gastierte das israelisch-deutsche Klavierduo Yaara Tal/Andreas Groethuysen in Warschau – und brachte vor dem Konzert seine Sorge um ein "vereinigtes, solidarisches und demokratisches Europa" zum Ausdruck. Der Saal applaudierte, im Netz erhob sich ein Shitstorm. Haben diese Worte ein anderes Gewicht, weil Tals Familie zu den Opfern des Holocausts gehörte? Es gibt Betroffene und Betroffene, und bisweilen müssen die einen für die anderen einstehen. Als die georgische Geigerin Lisa Batiashvili mit dem russischen Dirigenten Valery Gergiev auftrat und im Herbst 2014 eine Zugabe mit dem Titel Requiem for the Ukraine spielte, war das eine Tat ganz ohne Worte.

Gergiev, der eine Intensivfreundschaft mit Wladimir Putin pflegt, sein junger venezolanischer Kollege Gustavo Dudamel, der sich bei der Beerdigung des Autokraten Hugo Chávez als Sargträger verdingte: Politische Solidarität hat nicht zwangsläufig Menschenrechte und Meinungsfreiheit im Sinn. Dem mit schweigender Toleranz zu begegnen ist sicher falsch, insofern braucht vor allem der Musikbetrieb so etwas wie eine neue Ethik. Genauso falsch aber, ja geradezu verräterisch ist es, was Alban Gerhardt unlängst im Gespräch mit der Online-Plattform niusic sagte. Musiker hätten nicht gelernt, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, Dienst nach Vorschrift bedeute in der Musik eben "Musik machen". Als wäre dies gar nichts. Als müsste und könnte Beethoven und Bach je verbal nachgeholfen werden.

Das dürfte der Berliner Komponist Helmut Oehring anders sehen, der für die Kölner Oper demnächst Heinrich Bölls legendäre Rede Die Kunst muß zu weit gehen vertont. Gegebene Freiheit sei keine für die Kunst, schreibt Böll 1967, "nur die, die sie hat, ist, oder sich nimmt". Denn Kunst sei die einzig erkennbare Erscheinungsform der Freiheit auf dieser Erde.