Es geht nicht nur um das Ausspähen missliebiger Bürger oder um verhinderte Auftritte türkischer Minister; auch nicht um das Gerede von "Nazi-Methoden". Es geht um viel mehr.

Was sich derzeit zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Deutschen und Türken und zwischen Türkischstämmigen untereinander abspielt, zerstört Freundschaften, spaltet Familien, erzeugt Angst und Wut. Türken bedrohen Türken, Deutsche teilen Türken nur noch in Anhänger oder Gegner von Staatspräsident Tayyip Erdoğan ein, und beim Anblick von Türken, die in Deutschland leben, aber die Todesstrafe in der Türkei fordern, fragen sich manche Leute: Warum hauen die nicht ab nach drüben?

Die Stimmung ist aufgeladen wie nie zuvor. Dafür steht symbolisch ein Datum: der 16. April, der Tag des türkischen Referendums. Und ein Mann: Tayyip Erdoğan. Verliert Deutschland gerade seine Türken an ihn?

Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte, muss man schauen, wo die Konfliktlinien verlaufen.

Da wäre beispielsweise die zwischen Berlin und Ankara. Als Flüchtlinge sich in großer Zahl durch die Türkei nach Europa durchkämpften, änderte sich auch die Beziehung zwischen Angela Merkel und Tayyip Erdoğan. Ursprünglich wollte sie sich der Türkei nicht annähern, nun aber musste sie. Verglichen mit heute herrschte zu jenem Zeitpunkt eine geradezu harmonische Stimmung, trotz Kritik am autoritären Kurs der Türkei. Doch mit der Annahme der Armenienresolution des Bundestages im vergangenen Jahr und dem Putschversuch in der Türkei war es damit vorbei.

Die Resolution, die den Völkermord der Osmanen an den Armeniern als solchen anerkannte, empfanden viele Türken als Demütigung. Und nach dem Putsch fehlte es nach Lesart Ankaras an Solidarität. Seitdem schallt es aus der türkischen Hauptstadt: Ihr seid für die Putschisten! Ihr lasst der PKK und der Gülen-Bewegung freie Hand! Und Berlin? Versucht, ruhig zu bleiben. Aber dann äußert sich der Chef des BND so politisch, wie es ein Geheimdienstchef vielleicht nicht tun sollte, und schließt den von den Türken ausgemachten Hauptverdächtigen des Putsches öffentlich als Drahtzieher aus: Islam-Prediger Fethullah Gülen.

Zwischen deutscher und türkischer Bevölkerung lief es dagegen zuletzt besser. Plötzlich waren die Flüchtlinge die Sorgenkinder der Integration. Mit den Türken hingegen klappte es besser. Doch mittlerweile hat sich der deutsche Blick auf die Türken wieder verändert. Es gibt die, denen man sich näher fühlt, die Säkularen, die Erdoğan-Gegner. Und es gibt die Konservativen, die Erdoğan-Anhänger. Die immer so dumpfe Sachen im Fernsehen sagen. Auf die lässt sich leicht herabschauen. Ihr Verhalten dient als Beleg dafür, was einige seit je gewusst haben wollen: Integration gescheitert. Guckt sie euch an, diese Barbaren.

Und dieser Blick der Deutschen dient wiederum manchem Türken als Beweis dafür, was sie doch schon immer geahnt haben: Alles Nazis! Ihr wolltet die NSU-Morde nie aufklären, ihr seht in uns nur Gemüsehändler und Kopftuchmädchen, deren Gene euch angeblich dümmer machen. Sarrazin lässt grüßen, es ist alles wieder da.

Die Türkischstämmigen werden allerdings nicht nur von außen angepöbelt, sie schreien sich derzeit auch untereinander nieder. Ankara heizt die Stimmung zusätzlich an. Das führt dazu, dass türkischstämmige Politikerinnen wie Aydan Özoğuz, Staatsministerin für Integration, sich nicht mehr trauen, privat in die Türkei zu reisen. "Wir werden Jahre brauchen, die Trümmer zu beseitigen", sagt sie. Es führt dazu, dass die CDU-Abgeordnete Cemile Giousouf Morddrohungen auf Facebook erhält, von "Landsleuten", die sich nicht einmal bemühen, ihre Identität zu verstecken. Schlimm, aber immerhin sind das Politiker, die sich wehren können, weil sie in der Öffentlichkeit stehen. Doch dann gibt es noch die Menschen, meist Gülen-Anhänger, die nun (im besten Fall) schief angeguckt werden – von Leuten, deren Lebensentwürfe sich kaum von ihren unterscheiden. Einst waren nämlich auch sie Anhänger Erdoğans. In der Türkei war es die Gülen-Bewegung, die der AKP-Regierung half, die Macht zu konsolidieren. Darüber sprechen Gülen-Funktionäre heute nicht mehr so gern. Und die einfachen Gläubigen, die Gülen anhängen, stehen pauschal unter Verdacht.

Und es wird noch interessanter: Säkulare Kurden sind meist keine Freunde der Regierung in Ankara, konservative Kurden schon. Laizistische Atatürk-Sympathisanten betonen ihren Glauben zwar nicht so sehr, und beim Referendum werden die meisten wohl mit Nein stimmen – aber sie sind nicht selten glühende Nationalisten. Und die türkischen Christen fühlen sich in der Türkei von einigen Kurden unterdrückt – die derzeit in Deutschland eher (und zu Recht) als Opfer gesehen werden. Versöhnliche Stimmen gehen da unter. Genau wie die Hoffnung vieler, sich nicht mehr mit dem Freund, dem Nachbarn, der eigenen Frau zu streiten.

Aber vielleicht führt die aktuelle Konfrontation auch zu mehr Klarheit. Türkischstämmige (wie so viele andere Europäer zurzeit) erkennen womöglich erstmals, welch ein Geschenk es ist, in einer Demokratie aufgewachsen zu sein. Viele Herkunftsdeutsche merken instinktiv, dass alles noch ausdifferenzierter ist, als sie dachten – und dass es "die" türkische Community nicht gibt.

Es wird gerade viel Vertrauen zerstört, zwischen Staaten, zwischen Menschen. Vertrauen ist keine unbegrenzte Ressource. Manch einer vergisst, dass es ein Leben nach dem 16. April, dem Tag des Referendums, geben wird.