Es ist Sonntagmittag, und die Schlange vor dem türkischen Generalkonsulat an der Moorweide ist gut 100 Meter lang. Aus ganz Norddeutschland, sogar aus Dänemark haben Reisebusse Türken nach Harvestehude gebracht, um ihnen die Stimmabgabe zu ermöglichen. Es geht um eine Verfassungsreform, die dem amtierenden Präsidenten Erdoğan mehr Macht geben soll. Geduldig stehen die Wählerinnen und Wähler an, große Männer in Anzügen mit dunklen Sonnenbrillen rudern mit den Armen, um den Ansturm in Bahnen zu lenken. Die Alten und Gebrechlichen dürfen durch einen Seiteneingang an der Schlange vorbei, alle anderen müssen warten.

Evet oder Hayır, Ja oder Nein zu Erdoğans Plänen, die Türkei zu einem Präsidialsystem umzubauen – diese Frage spaltet die in Deutschland lebenden türkischstämmigen Communitys. Einige Frauen mit Kopftüchern und langen Mänteln schwenken die rote Flagge mit dem Mondstern, ansonsten halten sich die Wartenden eher zurück mit politischen Äußerungen.

Ob er mit Nein oder Ja gestimmt hat, will der Mann mit der Pilotensonnenbrille, der auf dem Pflaster vor dem Konsulat auf seine Verwandten wartet, nicht verraten. "Das ist eine geheime Wahl", sagt er und stellt sich als Faruk vor. Als die Sprache auf den inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel kommt, klärt sich allerdings schnell, auf welcher Seite er steht. "Der hat in seinen Artikeln Regierungsgeheimnisse verraten", sagt er. "Da soll er sich nicht wundern, wenn die Regierung sich wehrt."

Was die Regierung zum Geheimnis erklärt, darüber darf man nicht schreiben?

"In Deutschland darfst du auch nicht alles schreiben."

Was denn zum Beispiel nicht?

"Zum Beispiel, wenn es um Israel geht."

Was genau man über Israel nicht schreiben dürfe, will er nicht ausführen. Auf jeden Fall sei es gut, dass diese Abstimmung stattfinde, findet er. Er ist extra aus Kiel gekommen, um abzustimmen. "Was tut man nicht alles für sein Land", sagt Faruk, der in Deutschland aufgewachsen ist. Sein Land? Das ist die Türkei. Nicht Deutschland.

Can Karagül kann über solche Aussagen in Rage geraten, was man nicht erwarten würde, denn der 23-jährige Student des Wirtschaftsingenieurwesens ist ein höflicher und freundlicher junger Mann. Ein Musterknabe, wenn man so will, mit seinem hellen Tommy-Hilfiger-Pullover und kurzem krausen Haar. "Ich bin Deutscher", sagt er. "Meine Probleme werden in diesem Land gelöst." Dass die Erdoğan-Anhänger und ihr rückwärtsgewandter Nationalismus derzeit das Image der Deutschtürken prägen, regt ihn auf.

Die anderen Deutschtürken stand vor ein paar Wochen über einem ZEIT-Artikel, in dem es um integrierte Deutschtürken ging, die mit Erdoğan nichts am Hut haben. "Das ist mir übel aufgestoßen. Wieso sind wir 'die anderen'?", fragt er. "Als wäre der 'echte' Deutschtürke der, der fahnenschwenkend die Todesstrafe fordert."

Karagül steht mitten im Trubel vor dem türkischen Generalkonsulat. Er hat sich als ehrenamtlicher Wahlhelfer gemeldet. Obwohl Karagül sich als Deutscher fühlt und deutscher Staatsbürger ist, besitzt er auch den türkischen Pass. Er arbeitet hier mit, weil er die Polarisierung unter den Deutschtürken nicht tatenlos mitansehen will.

Durch seine eigene Familie geht ein Riss. Der Vater liegt mit den meisten Verwandten aus dem türkischen Nordosten im Streit. "Da stimmen 90 Prozent für Erdoğan", sagt Can Karagül. Machen ihm die organisierten Reisebusse vor dem Konsulat nicht Sorgen? "Nein, das sind ja nicht nur die AKP-Leute, die Busse organisieren. Auch die sozialdemokratische CHP macht das", antwortet er. "Außerdem haben die Leute ihren eigenen Kopf. Die stimmen nicht immer so ab, wie es die Leute wollen, die den Bus organisiert haben."

Seinen Wahlhelferposten muss Karagül am Nachmittag für zweieinhalb Stunden verlassen. Er muss zum Rathaus, denn dort hat er zu einer Kundgebung aufgerufen. "Aufstand der Integrierten" hat er die Veranstaltung genannt. "23-Jähriger will Referendums-Gegner ermutigen", hatte die Hamburger Morgenpost geschrieben. Karagül fühlt sich da missverstanden. "Das soll keine 'Nein'-Demo sein", sagt er. "Ich will ja gerade dafür demonstrieren, dass der Konflikt und das Misstrauen nicht zu uns nach Deutschland herüberschwappen."

Im Januar ist der Student in die SPD eingetreten, aber seine Kundgebung soll überparteilich sein. Er will das Bild von den mehrheitlich Erdoğan-vernarrten Deutschtürken geraderücken.