Eines Tages beschloss der Künstler Sokol Beqiri, kein Künstler mehr sein zu wollen. Er setzte sich hin, grübelte eine Weile, schließlich entfuhr ihm hinterrücks eine mächtige Blähung, auf gut Lutherdeutsch: ein Furz, woraufhin Sokol sein Feuerzeug zückte und das Gas, diese von innen nach außen entwichene Leere, in Flammen aufgehen ließ. Großer Knall, Ende der Karriere. Fortan betrieb der Künstler im Kosovo eine Bar.

Nun allerdings ist er zurück, geladen von der Documenta, dieser so einflussreichen Kunstschau, die alle fünf Jahre die Welt nach Kassel ruft und die ohne Knalleffekte, auch ohne manche Blähung nicht zu denken ist. Jedenfalls schien der künstlerische Direktor Adam Szymczyk, aus Polen stammend, eine gewisse Leere zu empfinden, als er mit den Planungen begann. Kassel kam ihm ausgereizt vor, alle Orte erkundet, alle Formate erprobt. Die Documenta, bloß noch bildungsbürgerliche Großwallfahrt, die zuletzt fast eine Million Besucher anzog. Was also tun? Szymczyk entschied sich, die Ausstellung kurzerhand zu verdoppeln.

Und so beginnt die Documenta an diesem Wochenende nicht wie gewohnt im Fridericianum, einer Kunsthalle mit Tempelfront, sondern am Fuß eines Tempelbergs, der Akropolis mit ihrem Parthenon. Die deutsche Kunstschau geht fremd, raus aus dem rüden Kassel, hinein ins noch viel rüdere Athen. Verstreut über die halbe Stadt, verteilt auf unüberschaubar viele Museen, Theater, Akademien, Plätze (es seien 47, sagen die Eingeweihten), soll die Kunst zu einer neuen Dringlichkeit finden. Am Ort der ultimativen Ratlosigkeit – Finanz-, Wirtschafts-, Flüchtlingskrise – will die Documenta zeigen, dass sie lebt und einen neuen, direkten Zugang zur Welt auftut. Szymczyk hofft auf eine Ausstellung "in Echtzeit", ihn lockt der "Ausnahmezustand". Eine gewisse Ruinenromantik ist wohl auch dabei.

Angestachelt von der Idee, dass inmitten der Trümmer etwas Neues beginnen könnte, hat jedenfalls der Ex- und Jetzt-wieder-Künstler Sokol Beqiri seine innere Leere überwunden. Er pflanzte, was ja nie verkehrt ist, einen Baum. Einen besonderen Baum natürlich, eine Eiche mit griechischem Stamm und deutschen Ästen. Die Zweige hat Beqiri einer der berühmten Beuys-Eichen in Kassel abgeschnitten, vielleicht um so Athen etwas vom Documenta-Mythos aufzupfropfen.

Das Bäumchen, unweit des archäologischen Museums gepflanzt, sieht für den Moment noch recht unglücklich aus: dürr, schütter, die Wunden mit gelbem Klebeband verbunden, beschwert von einer symbolischen Last, die es schon morgen umknicken könnte. Denn dass nun ausgerechnet eine urdeutsche Eiche, gepflanzt vom urdeutschen Beuys, für das herhalten muss, was Gärtner eine Veredelung nennen, dass also dem griechischen Stamm eine germanische Krone wächst, das darf wahlweise als sehr ironische oder sehr übergriffige Allegorie verstanden werden.

Ohne den deutschen Kunstwahn wäre die griechische Geschichte anders verlaufen

Auf jeden Fall ist es eine Anspielung auf den tieferen Hintergrund dieser Documenta, genauer gesagt auf die Zeit um 1800. Wäre doch die Geschichte Athens ohne den Kunstwahn der Deutschen ganz anders verlaufen. Viele Denker und Künstler zog es einst in den Süden, denn anders als daheim, wo schon damals eine Krise die Welt aus den Angeln hob (man nannte sie Revolution), ließ sich an den Gestaden der Antike noch von idealer Schönheit und dem unverbrüchlich Wahren träumen. Am Ende wurde ein Bayer zum ersten König von Griechenland, und der ließ viele jener Bauten errichten, die bis heute das Stadt- und Selbstbild der Athener prägen. Schon das ein veredelnder Akt in der Art der Beqiri-Beuys-Eiche.

Vieles auf der 14. Documenta dreht sich um Themen wie diese, um die Sehnsucht nach Herkunft und die Hoffnung, im Fremden das Eigene zu finden. Nur begnügt sich die Ausstellung natürlich nicht mit deutsch-griechischen Vorgeschichten. Eher will sie an das erinnern, was damals, zu Beginn des Philhellenismus, von Historikern und Archäologen unterschlagen wurde: Die Antike war nicht allein "weiß", Athen nicht allein "westlich". Viele andere Kulturen durchdrangen die Stadt – und sollen es jetzt wieder tun.