Ist dies der Dopingskandal, der Olympia endgültig ruiniert? Wie die ARD berichtet, wurde bei Nachtests in den Proben etlicher Sportler von den Spielen in Peking 2008 das Kälbermastmittel Clenbuterol entdeckt. Auch Mitglieder der jamaikanischen Mannschaft sollen darunter sein. Damit gerät auch der größte Star des Weltsports endgültig ins Zwielicht: Usain Bolt. Der stets gut gelaunte Sprinter hat wie kein anderer im vergangenen Jahrzehnt die Zuschauer fasziniert und nahezu im Alleingang das Image der Spiele, des in Verruf geratenen Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und seines deutschen Präsidenten Thomas Bach aufpoliert. Sollte er bei seinen Wunderläufen gedopt gewesen sein, würde das Beben in der Sportwelt unkontrollierbar sein. Selbst der tiefe Fall des siebenmaligen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong wäre dagegen nur ein Ausrutscher.

So weit will es das IOC offenbar auf keinen Fall kommen lassen und hat den ganzen Vorgang schon vor einem Jahr beerdigt. Die Begründung: Clenbuterol könnten die Athleten auch über verunreinigtes chinesisches Fleisch zu sich genommen haben. Dass Pekings Olympia-Kantinen seinerzeit scharf kontrolliert wurden, die Jamaikaner ihre eigenen Lebensmittel und Köche mitbrachten – egal. Bolt, die olympische Galionsfigur, muss um jeden Preis sauber bleiben.

Die Vertuschungsstrategie des IOC macht alles nur noch schlimmer

Doch die Fragezeichen hinter seinen Siegen und Weltrekorden werden immer größer. Von den zehn schnellsten 100-Meter-Läufern aller Zeiten sind mittlerweile neun des Dopings überführt – nur er nicht, der Allerschnellste. Eine seiner ursprünglich neun Goldmedaillen musste der Über-Läufer bereits Anfang des Jahres abgeben: Ein Staffelkollege war beim Sieg der Jamaikaner in Peking nachweislich gedopt. Nun weitet sich der Verdacht aus, und mit seiner Vertuschungsstrategie macht das IOC alles nur noch schlimmer. In Zeiten, in denen sich ohnehin kaum noch Austragungsorte für die sündteuren, affärenumflorten Spiele finden lassen, ist radikale Transparenz die einzige Chance, die alte, schöne Idee vom friedlichen und fairen Wettstreit der Nationen zu bewahren.

Zu dieser Transparenz müsste auch das Eingeständnis gehören, dass absolut sauberer Spitzensport schon immer eine Illusion war, auch und gerade in Deutschland. Das Staatsdopingsystem der DDR, über das man sich im Westen gerne empört hat, war nur eine Seite der Medaille im sportlichen Wettrüsten während des Kalten Kriegs. In den vergangenen Tagen veröffentlichte Studien zeigen mit neuen Details das sattsam Bekannte: dass auch in der BRD flächendeckend manipuliert wurde, von staatlichen Stellen vielleicht nicht gefordert, aber geduldet und gedeckt.

Doch weder Sportpolitiker noch Funktionäre wollen aus diesen historischen und aktuellen Befunden die Konsequenzen ziehen. Im neuen Leistungssportkonzept des Deutschen Olympischen Sportbunds heißt es: "Spitzenleistungen können nur dann anerkannt und gefördert werden, wenn sie in einem fairen Wettkampf erbracht wurden. Nur der 'saubere' und 'sichere' Sport vermag die finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand zu legitimieren.

Damit erteilen Sport und Politik der Maxime 'Erfolg um jeden Preis' eine klare Absage." Trotzdem sind im selben Konzept nach wie vor olympische Medaillen die einzige Währung für Erfolg. Was, wenn die auch heute ohne verbotene Mittel nicht mehr zu gewinnen sind?

Das weltweite Anti-Doping-Kontrollsystem kann nur funktionieren, wenn es völlig immun gemacht wird gegen die Einflussnahme des IOC, der Sportverbände und der Politik. Solange dies nicht gelingt, können olympische Medaillen allein kein Maßstab mehr sein für die Förderung der besten Athleten. Wer sauberem Spitzensport in Deutschland näherkommen will, sollte allenfalls die stetige Verbesserung der persönlichen Bestleistungen honorieren – unabhängig davon, ob sie international konkurrenzfähig sind. Das wird Doping nicht vollends verhindern, aber den übersteigerten Erwartungsdruck verringern, der viele Athleten erst zu verbotenen Substanzen greifen lässt. Wer weiterhin stur mehr deutsche Medaillen fordert, sollte zumindest das hehre Gerede über die Vorbildfunktion des Sports unterlassen. Denn bei Apotheken-Olympia siegen auf Dauer zu viele Betrüger.

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