Zu den interessantesten Konzerterlebnissen der jüngsten Zeit zählt zweifellos ein Auftritt der Südtiroler Rockgruppe Frei.Wild. Vor über fünfzehntausend begeisterten Hörern spielte sie sich in einer Berliner Mehrzweckhalle zwei Stunden lang durch ihr Repertoire; ihre Lieder trugen Titel wie Das Land der Vollidioten und Wahre Werte. Letztere, erfuhr man, sind die "Werte der Heimat", also "Sprache, Brauchtum und Glaube"; als "Vollidioten" werteten Frei.Wild wiederum jene, "die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat". Den Höhepunkt des Abends bildete ein Klassiker aus ihrem Frühwerk, die Südtirol-Hymne Südtirol: "Ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land / das unsere Heimat ist", heißt es darin. Das eigentlich Interessante war nun: Das zu wesentlichen Teilen aus Berlin und Brandenburg stammende Publikum intonierte nicht nur wie aus einer Kehle den Refrain – "Südtirol, wir tragen deine Fahne / denn du bist das schönste Land der Welt" –, sondern schwenkte dazu auch eifrig große Südtirolflaggen.

Der Sänger von Frei.Wild, Philipp Burger, hat seine Karriere in der Naziskin-Gruppe Kaiserjäger begonnen; heute verkauft er mit seinen Liedern so viele Platten wie kaum ein anderer Musiker im deutschsprachigen Raum. Wenn am 6. April in Berlin die Echos verliehen werden, sind Frei.Wild in der Kategorie "Rock National" nominiert. Seit 1992 überreicht der Bundesverband der deutschen Musikindustrie diesen Preis in Kategorien wie "Album des Jahres", "Rock National" und "Künstler International", "Pop", "Schlager" und "Volkstümliche Musik". Zu den meistausgezeichneten Musikern gehörten bisher Helene Fischer mit insgesamt 16 Echos, die Kastelruther Spatzen, Herbert Grönemeyer, Rammstein und die Toten Hosen.

Zwar werden Sieger wie diese von einer Jury ermittelt, aber die fünf Nominierungen pro Kategorie ergeben sich zuvor schnöde aus den Verkaufszahlen der letzten zwölf Monate. Über den Sinn einer solchen, rein ökonomisch orientierten Preisverleihung haben sich schon viele Menschen erfolglos den Kopf zerbrochen. Wenigstens gibt ein Blick auf die Nominierten ein gutes Bild von der Lage in der hiesigen Hitparadenmusik und vom Gemütszustand der Musikhörenden. In diesem Jahr kann man zum Beispiel erkennen, dass der massenbegeisternde Pop in Deutschland so politisch ist wie schon lange nicht mehr; wenn auch vielleicht nicht unbedingt so, wie das ein liberaler Hörer und Kritiker wünscht.

Auf ostdeutschen Mittelaltermärkten startete die Karriere

So findet sich unter den fünf Kandidaten für den Echo-Preis "Rock National" neben Frei.Wild noch eine weitere Band, die aus der Skinhead- und Rechtsrock-Szene kommt: Die Böhsen Onkelz haben in den achtziger Jahren in Frankfurt am Main ihre Karriere mit Liedern wie Deutschland oder auch Deutschland den Deutschen begonnen; auf ihrem aktuellen Album Memento versehen sie ihren ruppig dahinrumpelnden Rock mit den Leitmotiven des gegenwärtigen Rechtspopulismus: vom Hass auf die Lügenpresse über die Elitenverachtung bis zum Gefühl, zu den gesellschaftlich Abgehängten zu gehören und sich deshalb gerechten Zorn leisten zu dürfen.

Auch bei unpolitisch auftretenden Bands spielen Themen wie Heimat, Herkunft und Tradition eine erstaunlich dominante Rolle. Zwei weitere Nominierte für den "Rock National"-Echo gehören dem sogenannten Mittelalter-Rock an, der den Sound elektrisch verstärkter Gitarren mit Sackpfeifen, Drehleiern, Harfen, Schalmeien und allerlei anderen antiquierten Instrumenten anreichert. In Extremo haben ihre Karriere auf den ostdeutschen Mittelaltermärkten der unmittelbaren Nachwendezeit begonnen. Früher sangen sie gern auch in mittelalterlichen Idiomen und befassten sich mit Themen wie Rattenplagen und Hexerei. Auf der aktuellen Platte Quid Pro Quo haben sie sich dem Themenkomplex der Seefahrerei und des Piratentums zugewandt; ihre Hit-Single Störtebeker beschwört den unbeugsamen Geist des gleichnamigen Freibeuters.

Auch die Gruppe Schandmaul, Ende der neunziger Jahre in Bayern gegründet, hat sich von der mittelalterlichen Musik ihres Frühwerks zu Seefahrer-Themen voranbewegt. Leuchtfeuer heißt passenderweise das Album, mit dem die sechs Musiker für den "Rock National"-Echo nominiert sind. Im Video zu der gleichnamigen Single stehen sie mit Pauken, Flöten und nicht verkabelten elektrischen Gitarren an einem Strand und lassen sich vom anbrandenden Wasser nassschwappen; Sänger Thomas Lindner, der einen an Käpt’n Iglu erinnernden Kinnbart besitzt, bekundet in dem Lied mit zitternder Stimme seine Furcht davor, dass er als "Spielball der Wellen" in dunkler Nacht "an einem Riff" zerschellen könnte.

Besonders erfolgreich ist deutsche Rockmusik also gegenwärtig vor allem, wenn sie maskulin-kräftige Sounds mit der Anrufung von nationaler Heimat und Herkunft verbindet. Die Tonlage schwankt zwischen dem aggressiven Patriotismus von Frei.Wild und dem melancholischen Sentiment von Schandmaul für alte Zeiten, in denen das Leben übersichtlicher und einfacher schien. Die Sehnsucht nach der "eigenen" Vergangenheit wird gern auch zur Lust an der Vergänglichkeit des Eigenen überhöht. Einer der größten Erfolge von Schandmaul, Euch zum Geleit aus dem Jahr 2014, war aus der Perspektive eines frisch Verstorbenen formuliert, der sich aus dem Grab mit ein paar aufmunternden Worten an die Trauergemeinde wendet: "Vergießt keine Tränen, erinnert euch heiter / an unsre gemeinsame Zeit". Was wiederum an den größten Beerdigungsschlager der letzten Jahre erinnert: Geboren um zu leben von dem Sänger Der Graf und seiner Gruppe Unheilig.