Frage: Herr Schmidbauer, die SPD fordert die Ehe für alle, die Mehrheit der Deutschen stimmt zu. Was ist so attraktiv an der Ehe, dass alle sie wollen?

Wolfgang Schmidbauer: Das hat mit dem modernen Ideal der romantischen Liebe zu tun. Die Attraktivität der Ehe rührt aus dem Wunsch, das Ideale und Irrationale an der romantischen Liebe in eine alltagstaugliche Form zu gießen. Diese Form gestaltet jedes Paar selbst aus. Früher wurde etwa ausschließlich in der Kirche geheiratet, heute geben sich Paare in der Seilbahn, beim Tandem-Fallschirmspringen und sogar unter Wasser das Jawort.

Frage: Ehe, Romantik, Fallschirmspringen? Sie als Altachtundsechziger muss dieses neoromantische Bürgertum doch befremden.

Schmidbauer: Ich bin kein Altachtundsechziger, ich war 1966 mit meinem Studium fertig und bin nach Italien gezogen, in ein Dorf mit einem kommunistischen Bürgermeister. Aber natürlich hat der Aufbruch damals auch mich geprägt. Die Neuromantik finde ich als Mensch rührend, als Wissenschaftler faszinierend: zu beobachten, mit welchen Ritualen Paare ihrer Liebe immer wieder neu Gestalt geben. Davon abgesehen waren auch die 68er eine romantische Generation auf ihre Art. Sie stellten die Ehe infrage, weil sie ihnen spießig, repressiv und konventionell schien. Sie war ein Unterdrückungsverhältnis, aus dem sie sich zu befreien suchten, mit alternativen Lebens- und Liebesmodellen.

Frage: Scheint nicht geklappt zu haben. Was ist da bloß schiefgelaufen?

Schmidbauer: Langfristig war die Paarbindung eben doch stärker als das Konzept einer befreiten Liebe, mit dem die 68er gegen ihre Eltern aufbegehrten.

Frage: Dann sind am Ende auch die 68er Opfer der romantischen Liebe geworden? Das muss ja eine göttliche Macht sein …

Schmidbauer: Ich bin Analytiker, über Gott kann ich wenig sagen. Ich halte mich da an Platon. Der schrieb, dass jeder Mensch eine verlorene Hälfte hat, nach der er zeit seines Lebens sucht.

Frage: Daran glauben Sie? Sie sind ja romantisch.

Schmidbauer: Ob ich daran glaube, ist irrelevant. Die Gesellschaft hat Platons Sehnsucht nach der verlorenen Hälfte verinnerlicht. Die Sehnsucht gehört zur Conditio humana offenbar dazu. Meinen wir die verlorene Hälfte gefunden zu haben, versuchen wir die Erfüllung zu bewahren. Das ist gar nicht so einfach. Denn die romantische Liebe ist eine Illusion, die sich im Alltag erst noch bewähren muss. Also erschaffen wir Rituale. Diese sollen einen alltagsfreien Raum erzeugen, in dem die Illusion Bestand hat. So gibt es Paare, die feiern den Tag ihres Kennenlernens auf die immer gleiche Art. Das schafft Verbindlichkeit.

Frage: Ritual, Sehnsucht, Erfüllung – aus diesen Bausteinen sind Ersatzreligionen gemacht.

Schmidbauer: Die romantische Liebe trägt tatsächlich Züge eines Kultes mit der Hochzeit als Hohefest. Wie das Ritual soll die Ehe die Illusion konservieren. Allerdings kommt bei der Ehe noch ein anderes Motiv hinzu: Sie ist auch Ausdruck des Kampfs gegen die Konvention.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Wie bitte? Galt die Ehe in Ihrer Jugend nicht mal als Inbegriff für Enge?

Schmidbauer: Damals war sie das auch. Oft trauten Eltern ihren Kindern die Partnerwahl nicht zu, redeten ihnen rein, verboten Beziehungen, suchten selbst nach perfekten Partnern für den Nachwuchs. Gegen diese Zwänge wehrte sich die individualisierte Moderne. Die Vorstellung von Ehe wandelte sich. Nach und nach wurde sie nicht mehr als Inbegriff des unterdrückten Selbst gesehen, sondern als Ausdruck der Wahlfreiheit und des Selbstbewusstseins. Wer heute heiratet, feiert nicht nur die Liebe, sondern sich und den Sieg über eine Repression, die nicht mehr besteht.

Frage: Will die SPD deshalb die Ehe für alle, obwohl eingetragene Partnerschaften rechtlich weitestgehend gleichgestellt sind: Als Feier ihrer selbst und einer nicht mehr existenten Unterdrückung?