Wir hatten nichts Weiteres vor mit uns, keinen Plan, wie lange wir zusammenbleiben wollten. Vielleicht eine Woche, mag sein ein paar Monate, wenn es gut geht, ein paar Jahre. Aus dieser absichtslosen Verbindung sind inzwischen 34 Jahre geworden. Doch wer glaubt, dass es, wie bei so vielen, nach so langen Jahren die Trägheit des Herzens oder gar die Resignation war, die uns zusammenhielt, der irrt. Bequem haben wir es uns nämlich keinen Tag gemacht.

Geboren in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, waren wir, wohl wie die meisten in dieser rebellischen Aufbruchsgeneration, gebrannte Kinder, was die vorgelebten Ehen anging. Unsere Eltern ließen sich nicht scheiden. Schlimmer noch, sie blieben zusammen, obwohl sie wussten, dass sie nicht zusammenpassten. Wir wollten uns nicht nur zusammenraufen und miteinander raufen, wollten vielmehr, dass weder Kirche noch Staat zu bestimmen hatten, ob wir füreinander bestimmt sind. Auf gar keinen Fall mochten wir so ein beschädigtes Leben führen wie unsere Erzieher, deren Jugend und Ideale von den Nazis vereinnahmt wurden. Eltern, die uns ihr Versagen an sich selbst als Verzicht für uns verkaufen wollten.

Auf unseren Plattentellern drehte sich in den siebziger Jahren das immer gleiche Lied mit den Zeilen: "Kein Liebespaar wird uns mehr geschasst zu lebenslänglichem Eheknast." Den Ehering hielten wir für ein Fangeisen, da mochte noch so viel Gold daran haften. Wir waren nicht käuflich.

Lieber spotteten wir über die Spießer, die uns mit verkniffenem Mund Eigensucht und Verantwortungslosigkeit vorwarfen. Wir waren uns sicher, dass sie nur neidisch auf uns waren, weil sie sich nicht getraut hatten, ihr Leben glücklicher zu gestalten. Aber so klug waren wir dennoch, zu wissen, dass es etwa der frühere Mitschüler später viel leichter haben würde, weil er dazu bereit war, im Vorgarten der Schwiegereltern ein Haus zu bauen, in dem seine Kinder von Oma und Opa liebend umsorgt würden.

Wir aber wollten alles, nur kein leichtes Leben. Denn dort entstehen die Schwierigkeiten ja gerade dadurch, dass man es sich zu einfach macht. Wir hielten uns für bestechend unbestechlich. Den Traum von der Traumfrau oder vom Traummann hatten wir nicht mal im Traum. Auch meine Frau und ich wollten mehr, als nur miteinander irgendwie zu leben, was ja in den meisten Fällen bedeutet, nebeneinanderher zu leben. Eine intellektuelle Ehe, das war die Utopie jener Jahre: steter geistiger Stoffwechsel, der den "wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane", wie Kant es für die Ehe formulierte, durchaus mit einschloss.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Strenges Denken war damals übrigens noch ein Aphrodisiakum. Tempi passati. Wir wollten nicht nur Tisch und Bett miteinander teilen, sondern auch die Arbeit. Wir verfertigten gemeinsam hochtrabende Essays, deren Vollendung sich über mühevolle Monate hinstreckte. Wir gaben dabei alles und schenkten uns nichts, agierten aber schließlich in diesem Metier so symbiotisch, dass niemand herausbekam, welche Zeile von wem stammte. Divergenzen in theoretischen Fragen hatten schwerwiegende Folgen für unsere Alltagspraxis. Auf diese "Schatz, wie war heute dein Tag im Büro – hat dich der Idiot wieder genervt?"-Nummer konnten wir nicht bauen. Hier saß schließlich der Idiot am Abend noch am Küchentisch oder schlief neben einem schmollend ein.

Von außen werden wir bis heute als ein absolut organisches Paar wahrgenommen, als hätten sich da zwei gesucht und gefunden. Aber Suchen und Finden hielten wir für keine Kategorie, die etwas über unsere Gefühle aussagt.

Vor allem für die Kinder in unserer Umgebung, die uns von Geburt an kannten, waren wir eine untrennbare Einheit. Und da Kinder konservativ sind, möchten sie jede Einheit so eng wie nur möglich festgeschrieben sehen. Wenn wir ihnen erzählten, dass wir nicht verheiratet seien und auf keine Selbstverständlichkeiten bauten, begriffen sie erstaunlich schnell, dass Liebe immer wieder errungen werden muss, ohne dass ein Fetzen Papier, auf dem unsere Unterschriften in der Heiratsurkunde stehen, uns vor Liebesverlust schützen kann.