Verabredet sind wir um 15 Uhr im Kinosaal des Hotels Atlantic an der Alster. Um 15.05 Uhr ruft Peter Lohmeyer an: Man hat ihm in Hamburg-Ottensen sein Elektroauto zugeparkt. Ein Krankenwagen verriegelt die Sackgasse, Noteinsatz. Kurze Zeit später wieder ein Anruf: Er sei jetzt über den Bürgersteig entkommen, gleich werde er da sein.

Als er ankommt, ist die Batterie leer. Glücklicherweise gibt es in der Nähe des Atlantic eine Ladestelle für Elektroautos – Lohmeyer hätte sonst ein zwanzig Meter langes Kabel durch ein Fenster des Atlantic zu einer Steckdose führen müssen. "Das wär aber kein Problem gewesen", sagt Lohmeyer, der nun, distinguiert gekleidet, in seinen Kinosessel sinkt: Er hat das Kabel immer dabei.

Dieser Schauspieler wirkt wie einer, der praktische Lösungen findet, wenn die Kunst nicht hilft.

Wir treffen uns, weil wir gemeinsam seinen Lieblingsfilm sehen wollen, Ein Fisch namens Wanda, die legendäre englische Kriminalkomödie aus der Monty-Python-Werkstatt. Lohmeyer trägt maßgeschneiderten Anzug, Schiebermütze und feinste Lederschuhe: "Ich habe mich englisch angezogen. Wenn ich früher ins Kino bin, um einen Western zu sehen, zog ich mir Cowboystiefel an. Man geht gleich ganz anders durchs Foyer."

Das Kino im Atlantic hat ein Dutzend sehr bequeme Sitze. Ehe es losgeht, schnell noch eine Frage an Lohmeyer: Wie oft hat er diesen Film schon gesehen?

Verblüffende Antwort: ein einziges Mal, nämlich 1988, als Wanda in die Kinos kam. Er sehe jeden Film nur ein einziges Mal, seine Lust auf Neues sei zu groß. Außerdem sei er nicht bereit gewesen, sich den Luxus zu leisten, zweimal Eintritt für dasselbe zu zahlen.

"Die einzigen Filme, die ich mehrmals sehe", so Lohmeyer, "sind die eigenen."

Warum die?

"Um zu lernen. Ich muss mir das anschauen – die Fehler, die man gemacht hat, sind eine Arbeitsgrundlage! Ich sehe da plötzlich Dinge in meinem Spiel, die mir gar nicht bewusst waren." Günther Jauch, werfe ich ein, sagt von sich, er sehe sich nie selbst im TV, er empfinde Scham. Daraufhin Lohmeyer: "Kann ich verstehen, dass der sich nicht sehen will. Na ja, es gibt schon Momente, die ich in meinen Filmen gern noch mal anders gespielt hätte – aber Scham? Nee. Das wär ja schrecklich! Scham gildet nicht! Man muss zu seinen Peinlichkeiten stehen."

Wir dimmen das Licht im Kino und starten den Film. Ein Fisch namens Wanda ist eine herrliche Studie über die Peinlichkeit – genauer: über die Peinlichkeit, Engländer zu sein.

John Cleese, der zusammen mit dem Regisseur Charles Crichton auch das Drehbuch schrieb, spielt den frustrierten Londoner Anwalt Archie Leach. Archie fühlt sich, als lebe er unter lauter Scheintoten, lauter Upperclass-Automaten, die sich nicht zu ihren Begierden und seelischen Nöten bekennen. Archie weiß, wovon er spricht, er ist der Inbegriff des verklemmten Mannes – in Schach gehalten von Anstandsregeln, Selbstkontrolle und Standesdünkel. Und von einer eisernen englischen Society-Ehefrau, die, gespielt von der grandiosen Maria Aitken, so aussieht wie eine jüngere Theresa May.

Seine Arbeit bei Gericht bringt Archie in Kontakt mit einer Bande von Kriminellen, die ein Juwelenlager überfallen und enorme Beute machen. Er verliebt sich in den weiblichen Kopf der Bande, die lebenslustige Amerikanerin Wanda, gespielt von Jamie Lee Curtis. Und plötzlich merkt er, dass noch Leben in ihm ist. Einmal entflammt, gesteht er Wanda: "Ahnst du eigentlich, wie schwer es ist, Engländer zu sein?"