Was hat dieser Mann, dass alle von ihm schwärmen? "Er ist wirklich sehr empathisch", sagt einer seiner Wegbegleiter, "fast wie eine Frau." – "Ein bescheidener Mensch", sagt der in der Rue d’Aboukir in Paris ansässige Herrenschneider, bei dem Emmanuel Macron seine Anzüge kauft (340 Euro pro Stück). "Er stellt mir eine Frage, dann hört er mir zu."

Schon nach ein paar Gesprächen hat man den Eindruck, dass eine Begegnung mit Macron niemanden kaltlässt. Das ganze Land scheint er gerade in den Bann zu ziehen. Vor einigen Monaten war er vielen Franzosen noch unbekannt, jetzt sagen die meisten Umfragen seinen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Mai voraus. Seine Bewegung En Marche hat inzwischen 230.000 Mitglieder, die allein im März 8000 Veranstaltungen organisiert haben, um ihren Kandidaten zu unterstützen. Und das in einem Land, in dem sich die Enttäuschung über die Politik bei den einen zur Wut und bei den anderen zur Depression ausgewachsen hat. Die Franzosen, schreibt der Historiker Marcel Gauchet in seinem Buch Das französische Unglück verstehen, hätten immer noch großen Respekt vor dem Amt des Präsidenten. Wären da nur nicht die Menschen, die das Amt ausübten: der betrügerische Chirac, der zappelige Sarkozy, der dusselige Hollande. Marine Le Pen hat den Front National keineswegs zu einer normalen Partei gemacht – vielmehr ist Verbitterung ein normales Gefühl geworden. Wobei denjenigen, die Le Pen ablehnen, ihr sagenhafter Aufstieg den letzten Mut genommen hat.

Dieses unglückliche Land sieht sich dank Macron selbst wieder freundlicher im Spiegel an. Wir sind nicht so schlecht, wie wir denken – diesen Geist trägt der Mann unter die Leute. Und wirklich, sie legen die Zweifel ab. Wie macht er das?

Es hilft, dass seine Person unmittelbare Wirkung entfaltet. Er steht in einer Menge aus Kameramännern und einer Entourage von Leuten, die vielleicht wichtig sind, vielleicht nicht. (Wenn man Macron eine Zeit lang hinterherreist, lernt man, die Unauffälligen, Jungen, die etwas abseits stehen, nicht zu unterschätzen – oft sind sie es, die den engsten Kontakt zu ihm haben.) Der Kandidat wird geschoben und gezogen, wankt wie auf einem Schiff, die Kameras nähern sich gefährlich seinem Kopf, das Scheinwerferlicht blendet. Doch wenn ihn jemand anspricht, versenkt sein Blick sich in den seines Gegenübers, seine Stimme wird leise, als gäbe es niemand anderen, nur ihn und, sagen wir, die Frau, die im Chaos nach einer Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde von Paris seine Hand zu fassen bekommt und nicht mehr loslässt.

Der Blick ist eine eigene Mischung aus verführerisch und beflissen, eine beeindruckende Technik, die man wahrscheinlich nur erlernen kann, wenn man wirklich gern Menschen um sich hat.

Diese Neigung brachte Macron in seiner Zeit als Geschäftsbanker bei Rothschild viel Geld ein. Der Job ist im Prinzip nicht so schwer, erklärt jemand, der ihn von damals kennt. Man muss sich mit ein paar Zahlen und Steuerrecht auskennen. Macrons Weg zum Erfolg aber war das Adressbuch, das er sich innerhalb kürzester Zeit zulegte. Er verhandelte einen in der Branche viel beachteten Deal zwischen Nestlé und Pfizer und hatte mit Anfang 30 seine erste Million verdient.

Die meisten französischen Präsidentschaftskandidaten hatten zum Zeitpunkt, da ihre Chancen auf den Élysée so gut standen wie Macrons jetzt, harte Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Partei hinter sich. Die Kämpfe hinterließen Spuren in Gesicht und Gemüt. Aber Macron, 39, sieht immer ausgeschlafen und faltenfrei aus. Er hat mit En Marche seine eigene Partei gegründet.

Jetzt hat er eine Verabredung mit dem Volk – so werden französische Präsidentschaftswahlen manchmal genannt, wobei die Metapher offenbar ein Rendezvous meint und dem Volk der traditionell weibliche Part zufällt: Abwartend und anspruchsvoll, lässt es sich umwerben und entscheidet am Ende. Zwar kann Macron sich auf sein Talent zur Begegnung verlassen, und er hat sein Charisma vor der Entweihung durch Parteiengezänk bewahrt. Beides hat ihn weit gebracht. Doch er muss nicht Hunderttausende überzeugen, sondern mehr als 18 Millionen, die in der Stichwahl für ihn stimmen sollen.

Am Rande der kleinen Ortes Avallon in Burgund prasselt an einem Märztag der Regen auf die Betonklötze des sozialen Wohnungsbaus. Eine Menschenmenge hat sich am Zaun des Schulhofs versammelt. Macrons Kolonne fährt vor: große schwarze Autos, eins mit Blaulicht. Sie fahren über den Schulhof bis ans Gebäude. Macron und seine Frau Brigitte steigen aus, die Gruppe der wartenden Journalisten umschließt das Paar sogleich, Polizisten schieben sie den Flur entlang Richtung Klassenzimmer, die Tür öffnet sich, Kandidat und Frau verschwinden dahinter.

Im Klassenzimmer herrscht plötzlich Stille. Keine Kameras, nur der schnauzbärtige Bürgermeister des Ortes und die Siebenjährigen, denen Macron jedem einzeln die Hand schüttelt. Bonjour, sagt er ernst, als wären sie Erwachsene. Dann stellt er sich vor die Klasse. Schweigen breitet sich aus. Die Kinder sehen ihn stumm an. Er verschränkt die Arme. Was war noch mal der Anlass, dieses gottverlassene Fleckchen Frankreich zu besuchen?

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock