Was man von Ernst Moritz Arndt und einem Streit an der Uni Greifswald über unzuverlässige Vorbilder lernen kann

In Deutschland lässt man die Guten nicht in Frieden ruhen. Stets nimmt man von ihnen, was sich in ihrem Zustand noch bekommen lässt: den guten Namen. Man pinselt ihn aufs Straßenschild, benennt mit ihm Plätze, Preise, Schulen, verziert mit ihm Universitätseingänge oder hängt ihn dekorativ übers Kasernentor. Die Namen der Toten, so die Hoffnung, stehen für die Werte, die uns ausmachen heute. Jeder Stadtplan wird so zur Vermessung des idealen Deutschlands. Und genauso wie alte Karten nur mit Vorsicht zu gebrauchen sind, weil auf ihnen verzeichnete Straßen verschwinden oder ins Nichts führen auf einmal, sind auch Vorbilder historisch flexible und überarbeitungsbedürftige Gebilde.

Besonders gut lässt sich das derzeit in Greifswald beobachten. Viele Bürger wehren sich dort gegen die Umbenennung ihrer Universität. Bislang ist die nach dem Dichter Ernst Moritz Arndt benannt. Der wurde in der Region geboren, gilt als Held der Befreiungskriege gegen Napoleon und diente wegen seines Nationalismus, Chauvinismus und Antisemitismus den Nazis als Vorbild für ihren Hass auf die Welt – Grund genug für Hermann Göring, die Universität Greifswald 1933 nach Ernst Moritz Arndt zu benennen. 1954 wiederholte und bestätigte dann die SED die Entscheidung, wobei sie Arndts Antisemitismus diskret ignorierte, seiner Loyalität zum russischen Waffenbruder und seinem Kampf gegen Despotie jedoch genug Vorbildhaftes abgewinnen konnte, um ihn zum Prototyp des Arbeiter-und-Bauern-Staatsbürgers zu machen.

Das aktuelle Ansinnen des Greifswalder Universitätssenats, einen Schlussstrich unter diese ideologische Leichenfledderei zu ziehen und den zweifach missbrauchten Namen aus dem eigenen Briefkopf zu tilgen, ist also einerseits verständlich: In der Demokratie bundesrepublikanischer Prägung gehört Hass auf Juden und Franzosen nun mal ebenso wenig zum Staatsverständnis wie die Beschwörung einer russisch-deutschen Kameradschaft im Kampf gegen den dekadenten Westen. Andererseits aber muss die Entscheidung all denen naturgemäß unverständlich bleiben, die miterleben mussten, wie man am Vorbild nur mal kurz das politische Vorzeichen änderte, um es hinüberzuretten in die neue Zeit. Denn wenn Historie nur Knetmasse ist zum Bau von Nationaldenkmälern, wie kann man dann den Greifswaldern oder überhaupt jemandem im Osten das Recht absprechen, sich die persönliche Geschichte und damit den eigenen Arndt selbst zu kneten aus Lokalpatriotismus, DDR-Nostalgie und dem Gefühl, in einer Gegenwart zu leben, in der die Helden der Vergangenheit diskreditiert oder ersetzt worden sind?

Gutes bleibt, das bringt man Kindern bei. Daran wollen auch Erwachsene glauben können. Denn jeder von uns läuft mit seinem ganz persönlichen Lebensstadtplan durch die Welt, auf dem die Koordinaten seiner selbst zu finden sind. Meist wurde dieser Plan in der Jugend gezeichnet und ändert sich in der Folge nie mehr. Auf ihm ist alles einfach und überschaubar, hat einen Namen und seine Richtigkeit. Woher ein Name kommt, wie er entstand und was er meint, ist dabei weniger wichtig als das, was der Besitzer des Plans mit ihm empfindet.

So konnte man noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in jeder deutschen Großstadt Senioren finden, die den Adenauer-, Heuss- oder Friedensplatz konsequent Adolf-Hitler-Platz nannten; und das nicht aus politischer Verbohrtheit oder besonderer Verehrung für den Führer, sondern weil sie es so gelernt hatten als Kinder, weil auf ihrem Lebensstadtplan nun mal Adolf Hitler an genau dieser Stelle geschrieben stand. Deshalb reagierten viele dieser Senioren auch irritiert bis giftig, wurden sie von den Nachgeborenen gefragt, auf welchem Platz, in welchem Land oder in welchem politischen System sie sich eigentlich gerade befinden. Eine giftige Irritation, die auch bei den Greifswaldern zu beobachten ist. Jüngst bildeten die eine Menschenkette um die Uni und wollten so ihren Arndt vor dem Zugriff seiner Kritiker schützen – so als wäre der Universitätssenat das ZK der SED und Greifswald 2017 so reif für eine friedliche Revolution wie Leipzig 1989. Die Irritation jedoch ist nicht beschränkt auf die Gruppe derer, die der Geschichtspolitik, so rational sie anmutet, passiv ausgesetzt sind. Sie ist auch bei denen zu beobachten, die sie machen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

So rutschte vor einigen Wochen etwa der nicht mal von Donald Trump aus der Fassung zu bringenden Angela Merkel ein "Ich bin einigermaßen fassungslos" über die Lippen, als sie erfuhr, dass man Greifswald, dem Osten und damit auch ihr den selbst gekneteten Ernst Moritz Arndt zu nehmen gedenkt. In Merkels spontaner Reaktion ist alles enthalten, was Geschichtspolitik in einem Land mit zweifacher Diktatur-Erfahrung so schwierig macht: das Entsetzen über die Um- und Entwertung von Namen und Begriffen, die persönliche Betroffenheit, der sich auch die Kanzlerin nicht entziehen kann, sowie das Wissen darum, die ideologische Heimatlosigkeit aushalten zu müssen bis zur persönlichen Schmerzgrenze. Einfach weil es notwendig ist. Weil man die Gegenwart sonst nicht nach dem bewertet, was einem die Vernunft gebietet, sondern nur nach dem, was gut erscheint, weil es sich gut anfühlt.

Und vielleicht würden sich die Greifswalder wirklich besser fühlen, wenn sie ihren Arndt behalten dürften. Aber vielleicht würden sie das auch nur sagen, um nicht zugeben zu müssen, dass sie mit dem, was der historische Arndt über Juden und Franzosen geschrieben hat, im Grunde gar nichts anfangen können. Denn natürlich wissen sie darum. Verehrung aus Nichtwissen setzt Mangel an Information und öffentlicher Debatte voraus. Doch über nichts wird in Greifswald gerade so heiß diskutiert und informiert wie über den historischen oder gekneteten Ernst Moritz Arndt. Das Beharren auf dessen Vorbildfunktion kann also nur einen Grund haben: Trotz.

Trotz jedoch macht nicht glücklich, nur schlecht gelaunt. Wie auch die Senioren, die sich weigerten, den Adolf-Hitler-Platz von ihrem persönlichen Stadtplan zu tilgen, dies meist wider besseres Wissen taten – ohne jedoch deshalb glücklicher zu sein. Im Gegenteil, ihr Trotz, ihre verkniffenen Gesichter, ihr Schimpfen auf die Zeit, die Jugend von heute, auf alles und jeden, bewiesen nur, wie unglücklich sie wirklich waren und wie unglücklich es macht, die Gegenwart dafür bestrafen zu wollen, dass sie nicht so ist, wie die eigene Karte im Kopf sie zeichnet.

Für eine Stadt, eine Universität, eine Gemeinschaft ist es natürlich schwierig, den Trotz der Trotzigen zu ertragen. Gibt sie ihm nach, ist es nie genug. Regiert sie über ihn hinweg, wird der Trotz nur stärker. Damals, als der Adolf-Hitler-Platz noch wirklich und nicht nur gefühlt so hieß, hätte, wer zugab, ihn nicht auf der Gefühlslandkarte zu finden, sicher um sein Leben fürchten müssen. Es ist das Verdienst der Gegenwart, den Trotz derer auszuhalten zu können, die die Gegenwart ablehnen und ihr die Freiheit gleichzeitig verdanken.

Schwach und falsch ist sie nicht, diese Zeit. Sie vertraut der Überzeugungskraft des besseren Arguments. Denn das Argument, so die Hoffnung, ist stärker als die mal mehr, mal weniger gebremste Fassungslosigkeit der Trotzigen. Deshalb ist es so richtig, den Greifswaldern ihren Arndt zu nehmen, wie es verständlich ist, dass diese nicht lassen können von ihm. Deshalb müssen beide einander aushalten lernen: die Vernünftigen den Trotz und die Trotzigen die Vernunft. Vielleicht fragen sich die Trotzigen dann irgendwann mal, was ihnen der ach so verehrte Herr Arndt jenseits der persönlichen oder ideologisch verfärbten Geschichte eigentlich noch zu bieten hat. Warum wollen sie ihn denn bloß unbedingt zum Vorbild?

Ein Vorbild, sagt Sigmund Freud, ist das Produkt eines psychodynamischen Prozesses mit dem Ziel, das eigene Ich dem Vorbild-Ich anzugleichen. Deshalb mal ehrlich: Wer will denn wirklich sein Ich tauschen gegen das von Ernst Moritz Arndt, so voller Hass, Neid und Angst vor den Franzosen dieser Mann zeit seines Lebens gwesen ist. Ja, Arndt war einer aus dem Volk, aus dem Osten, aus Pommern – und sonst? Welchen Grund gibt es, Straßen nach ihm zu benennen, Gymnasien oder Universitäten? Oder genauer: Warum sollte man zulassen, dass weiterhin Universitäten benannt sind nach ihm? Weil, könnten die Trotzkisten der Erinnerungskultur an dieser Stelle einwenden, es in jeder deutschen Großstadt Straßen, Plätze oder Kasernen gibt, die nach entthronten Vorbildern heißen. Nach Paul von Hindenburg etwa, der führte Angriffskriege. Oder nach Gustav Nachtigal, der beutete als deutscher Kolonialist Afrikaner aus bis aufs Blut.

Das stimmt zwar alles, nur bedeuten diese Namen den meisten Deutschen mittlerweile nichts mehr. Und weil sie nichts mehr bedeuten und auf der Karte in den Köpfen nicht mehr zu finden sind, heißen immer weniger Straßen und Plätze wie sie. Die Vorbilder von gestern verschwinden. So wie auch Ernst Moritz Arndt früher oder später verschwunden sein wird aus Greifswald. Auch er wird Geschichte werden. Geschichte kann man erforschen und verstehen. Allzu sehr aufregen über sie muss und sollte man sich aber nicht.

Denn das ist nicht das Schlechteste, was Ernst Moritz Arndt und dem Osten passieren kann.