Lesen Sie dazu auch die Titelgeschichte "Für immer jung?" aus der ZEIT Nr. 15

DIE ZEIT: Ist das Alter noch ein normaler Lebensabschnitt oder schon eine Krankheit?

Christiane Woopen: Es gehört als Lebensphase zum menschlichen Dasein. Zur Frage steht nicht, ob wir altern, sondern wie schnell und mit welchen Begleiterscheinungen. Dass Mediziner den Alterungsprozess, der mit Einschränkungen und Gebrechlichkeit einhergeht, ändern möchten, ist keine Absage an das Alter an sich. Dieses beschert uns schließlich auch Reife und differenzierte Einstellungen.

ZEIT: Sie saßen lange im Deutschen Ethikrat. Würden Sie es für ethisch vertretbar halten, Menschen mit Medikamenten zu behandeln – nicht weil sie krank sind, sondern weil sie alt werden?

Woopen: Solange die Menschen sich mit so einer Therapie aufgrund eigener Entscheidung behandeln lassen möchten und es auf der Grundlage einer fundierten Bewertung von Chancen und Risiken erfolgt, spricht für mich nichts dagegen.

ZEIT: Es gibt in den USA bereits erste Versuche an Menschen mit Medikamenten, die bei Tieren das Altern verzögern. Dürfte man hierzulande solche Experimente überhaupt durchführen?

Woopen: Nur wenn die zuständige Ethikkommission das genehmigt. Steht der Erkenntnisgewinn und der mögliche Nutzen aber in einem vertretbaren Verhältnis zu den Risiken für die Probanden, dann wüsste ich nicht, warum solche Versuche abgelehnt werden sollten.

ZEIT: Hinter solchen Versuchen steht ja die neue Einsicht, dass es der Alterungsprozess selbst ist, der die Ursache aller Alterskrankheiten ist. Müssen Ärzte also das Altern bekämpfen, statt einzelne Krankheiten zu behandeln?

Woopen: An der Uni Köln gibt es ein Exzellenzcluster zu altersassoziierten Erkrankungen, da verfolgen die Kollegen diese Idee schon seit Jahren. Auch in der Krebsmedizin lösen sich die Grenzen der Fachgebiete auf, die sich traditionell an Organen und ihren Erkrankungen orientieren. An ihre Stelle tritt ein Verständnis, das sich zunächst an den molekularen und zellulären Grundlagen des Krankheitsprozesses orientiert.

ZEIT: Hinter einer Alterstherapie könnte sich zweierlei verstecken, die Verlängerung der gesunden Lebenszeit oder die der Lebensspanne ...

Woopen: Diese Unterscheidung ist Augenwischerei! Wer gesünder alt wird, lebt in der Regel auch länger.

ZEIT: War eine immer höhere Lebenserwartung nicht schon in den vergangenen Jahrzehnten der beständige Trend?

Woopen: Schon darauf haben wir bislang gesellschaftlich nicht angemessen reagiert, und wir sollten frühzeitig bedenken: Was passiert, wenn wir 200 Jahre leben könnten? Wir werden unsere Bilder von unterschiedlichen Lebensphasen und auch viele Strukturen der Gesellschaft anpassen müssen – etwa den Generationenvertrag, Ausbildungszeiten, Arbeitszeitkonten, Renteneinstieg. Damit müssen wir jetzt beginnen, es existiert heute schon keine vernünftige Gestaltung des Lebenszyklus mehr.

ZEIT: Die Menschen müssten künftig also länger arbeiten, weil sie ja auch länger gesund leben?

Woopen: Ja, sie könnten etwa Arbeitszeit aus dem mittleren Lebensalter nach hinten verschieben. Oder wir definieren das Konzept von Arbeit neu. Müssen wir bezahlte Arbeit und unbezahlte Freizeit unterscheiden? Oder fragen wir besser, welche Art von gesellschaftlichem Beitrag jeder Mensch leisten möchte, ohne dass sein Einkommen davon abhängt?

ZEIT: Voraussetzung für kollektive Langlebigkeit wäre also eine ganz neue Form von Berufsleben?

Woopen: Es ist doch heute schon unsinnig, dass man mit 45 Jahren in einer Rushhour des Lebens viel Zeit der Karriere opfert, Kinder erzieht und womöglich parallel Eltern pflegt. Und mit 65 legt man dann erschöpft die Arbeit nieder und blickt 30 Jahren Freizeit entgegen ...

ZEIT: Vorausgesetzt, das wirksame Mittel gegen das Altern ist da – wer sollte davon profitieren?

Woopen: Es wäre wohl verkehrt, es nur Menschen zu geben, die schon an Diabetes oder Herz-Kreislauf-Problemen leiden. Warum nicht vorbeugend, um Leiden von vornherein zu vermeiden? Das würde die Gesellschaft vermutlich deutlich weniger kosten als der Arbeitsausfall sowie die Behandlung und Pflege kranker Menschen im Alter.

ZEIT: Dürfen wir unser Leben so verlängern? Ist das kein Verstoß gegen die natürliche Ordnung?

Woopen: Es ist ein Eingriff, aber kein Verstoß. Wir sorgen für öffentliche Hygiene, wir investieren in Bildung – und verlängern damit die Lebenserwartung. Der Mensch ist ein Wesen, das sein Leben gestaltet. Er kann gar nicht anders.